VG Saarlouis Urteil vom 11.9.2018, 5 K 2596/16

Flüchtlingsanerkennung eines afghanischen Staatsangehörigen aufgrund Verfolgung durch Taliban als Regionalpolizist

Leitsätze

1. Zur Flüchtlingsanerkennung eines afghanischen Staatsangehörigen, der aufgrund seiner Tätigkeit als Regionalpolizist in Konflikt mit den Taliban gekommen ist (paschtunischer Volkszugehöriger aus Paktia).



2. Zur Schutzfähigkeit der afghanischen Sicherheitsbehörden.



3. Zur Frage eines dauerhaften internen Schutzes in Kabul.

Tenor

Die Beklagte wird unter entsprechender Aufhebung des Bescheides vom 18.11.2016 verpflichtet, dem Kläger die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen.

Die außergerichtlichen Kosten des gerichtskostenfreien Verfahrens trägt die Beklagte.

Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten vorläufig vollstreckbar.

Die Beklagte kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung eines Betrages in Höhe der sich aus dem Kostenfestsetzungsbeschluss ergebenden Kostenschuld abwenden, wenn nicht der Kläger zuvor Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand

Der im Mai 1994 in Paktia geborene Kläger ist nach seinen Angaben afghanischer Staatsangehöriger islamisch-sunnitischer Religionszugehörigkeit, gehört der Volksgruppe der Paschtunen an und spricht als Muttersprache Paschto. Er reiste im März 2016 gemeinsam mit seiner Tante ... A.,(geb. am … 1991 in …; bestandskräftiger Bundesamtsbescheid vom 18.11.2016 - Az. 6642413-1-423 - (Feststellung des Abschiebungsverbots des § 60 Abs. 5 AufenthG)) der Ehefrau seines Onkels ... A.,(Az. 5508514-423) auf dem Landweg über Österreich in die Bundesrepublik ein und stellte am 22.03.2016 einen Asylantrag. Bei seiner Antragstellung gab er u.a. an, verheiratet zu sein.

Bei seiner persönlichen Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bundesamt) der Beklagten im April 2016 legte der Kläger seine am 07.08.2011 (16.05.1390) ausgestellte Tazkira vor. Er führte unter anderem aus, er habe bis zu seiner Ausreise in der Provinz Paktia (Bezirk Gerda Zerey, Dorf Prangay) gelebt. Sein Heimatland habe er drei bis vier Monate vor seiner Einreise am 21.03.2016 verlassen. Er sei gemeinsam mit seiner „Schwägerin“ (Anm.: Tante) gereist. Er habe zu seinen im Saarland und in München lebenden Onkeln gewollt. In Afghanistan habe er mehrere Verwandte, teils in Paktia und teils in Khost. Seine beiden jüngeren Brüder hätten nicht die Absicht, Afghanistan zu verlassen. Die Schule habe er in der 8. Klasse abgebrochen. Der Grund seien Probleme im Dorf gewesen, d.h. Stammesfehden wegen eines Streits um Nutzholz. Der Wald gehöre dem Staat, aber die Dorfbewohner hätten sich die Nutzung geteilt, der Staat habe dort keinen Einfluss. Erst als andere Gruppen gekommen seien, um sich von dem Holz zu holen, sei es zu Feindseligkeiten gekommen. Bis jetzt seien dabei 400 Leute getötet worden. Das habe schon vor seiner Geburt begonnen. Irgendwann habe sich der Staat doch eingemischt und einige Zeit für Ruhe sorgen können. In dieser Zeit habe er auch die Schule besuchen können. Zuletzt hätte er aber die Schule in Gardez besuchen müssen, was zu weit entfernt und zu teuer gewesen sei. Nach der Schulzeit sei er ein Jahr ohne Arbeit gewesen, dann sei er zur Regionalpolizei gegangen. Sein Vater betreibe einen Lebensmittelladen, außerdem hätten sie noch Grundstücke. Insgesamt sei er zwei Jahre und sieben Monate bei der Regionalpolizei gewesen, vor fünf Monaten habe er damit aufgehört. Hierzu reichte er eine Bescheinigung zur Akte.(Auf Bitte von … … - laut Kläger sein älterer Bruder - um Bestätigung seiner Dienstzeit von 2 Jahren und 7 Monaten als Regionalpolizist aus Anlass von Bedrohungen durch die Taliban bestätigen die Stammesältesten des Dorfes und des Bezirks, wiederum bestätigt durch den Bezirkschef, für Mohammad F. - also den Kläger - dessen Tätigkeit als Regionalpolizist und seine Bedrohung durch die Taliban.) Wehrdienst habe er nicht geleistet.

Zu seinem Verfolgungsschicksal befragt, gab er im Wesentlichen an, als der Staat den Streit um den Wald beendet habe, habe er Regionalpolizisten zum Schutz des Waldes angestellt. Das seien 40 Leute gewesen, aufgeteilt auf zwei Posten von 14 und 26 Leuten. Die Posten seien auf dem Berg im Abstand von 2 km gewesen. Er habe zu dem Posten mit 26 Polizisten gehört, ihr Kommandeur habe Shah Gul gehießen. Im 4. Monat 1394 (Juni/Juli 2015) sei dieser eines Morgens nach Shwak gegangen, um dort einen Streit zwischen zwei Stämmen zu schlichten. Auf dem Rückweg sei sein Wagen beim Abbiegen auf eine unbefestigte Straße auf eine Mine gefahren, wodurch er, sein Fahrer und sein Leibwächter getötet und einige andere verletzt worden seien. Vom Stammesrat sei dann entschieden worden, dass sein Cousin väterlicherseits, ... ..., dessen Nachfolger werden solle. Zehn Tage später sei ihr Posten kurz vor Mitternacht von Taliban angegriffen worden. Das Gefecht habe etwa vier Stunden gedauert, er selbst habe eine Panzerfaust bedient. Als sie danach die Stelle erreicht hätten, von der aus die Taliban sie beschossen hätten, hätten sie drei tote Taliban gefunden und sie zu ihrem Posten geholt. Die Taliban ihrerseits hätten fünf „Weißbärtige“ (Ältere) aus seinem Dorf als Geiseln genommen. Dann seien andere Weißbärtige zu ihnen gekommen und hätten gesagt, wenn sie die Leichen nicht herausgäben, würden die Geiseln umgebracht werden. Daraufhin hätten sie die Leichen zurückgegeben und die Geiseln seien freigelassen worden. Sie hätten den Weißbärtigen aus ihrem Dorf, die zu ihnen gekommen seien, die Leichen mitgegeben, und diese hätten den Austausch mit den Taliban bewerkstelligt; er selbst habe davon nichts mitbekommen. Dann hätten aber telefonische Bedrohungen seitens der Taliban gegen ihn und seinen Cousin angefangen. Sie seien von unterschiedlichen Telefonnummern aus angerufen worden, am meisten sein Cousin. Ob auch andere Polizisten dieses Postens bedroht worden seien, wisse er nicht; man habe in so einer Situation kein Vertrauen, auch zu den eigenen Leuten nicht. Sein Onkel, der Vater von F. R., habe daraufhin seinen Sohn gezwungen, seinen Job aufzugeben, und ihn nach Kabul geschickt, weil er im Dorf nicht mehr sicher gewesen sei. Er selbst habe aber noch drei bis vier Monate weitergemacht. Sein Cousin habe in Kabul eine Anstellung in einem Stoffladen gefunden. Eines Tages sei er dort auf dem Nachhauseweg von zwei Männern auf einem Motorrad erschossen worden. Das habe ihm Angst eingejagt und er habe beschlossen, den Job aufzugeben und das Land zu verlassen. Er habe sich das fünf bis sechs Tage überlegt, ehe er sich entschlossen habe, aufzuhören und nach Kabul zu gehen. Dort sei er dann noch 15 Tage bis zur Ausreise gewesen. Nach dem, was seinem Cousin passiert sei, habe er gewusst, dass er auch dort auf Dauer nicht sicher sein könne. Sein Cousin sei etwa dreieinhalb Monate in Kabul gewesen. Auf Frage gab er an, bei dem Angriff auf den Polizeiposten hätten die Taliban plötzlich angefangen zu schießen. Die meisten von ihnen hätten geschlafen, einige hätten Wache gehalten. Als die Taliban zu schießen angefangen hätten, hätten die Wächter zurückgeschossen. Davon seien sie wach geworden, hätten Deckung gesucht und angefangen zurückzuschießen. Sie hätten keine Toten gehabt, nur zwei Verletzte. Der eine habe einen Streifschuss am Ohr abbekommen, sein Ohr sei zweigeteilt gewesen, der andere sei in den rechten Oberarm getroffen worden. Der Posten habe vier befestigte Türme an den Ecken und dazwischen Schutzwälle aus Sandsäcken mit Schießscharten gehabt. Er selbst sei auf der westlichen Seite gewesen, von wo aus der Angriff auch erfolgt sei. Er habe im Verlauf des Gefechts nur vier Granaten abgeschossen, von fünf, die er gehabt habe. Die Taliban hätten außer Kalaschnikows auch PK-Maschinengewehre und Panzerfäuste eingesetzt. Der Kläger reichte sodann mehrere Fotos in Kopie zur Akte. Zu Hause habe er weitere Dokumente, die er aber aus Angst, unterwegs bei einer Taliban-Kontrolle erwischt und dann, wie es häufig vorkomme, geschlachtet zu werden, nicht habe mitnehmen können; er könne sich diese Dokumente aber hierher nachschicken lassen. Auf Frage, wie es zu der gemeinsamen Ausreise mit seiner „Schwägerin“ gekommen sei, antwortete der Kläger, dass er über ihre Probleme nichts genaues wisse; als er sich entschlossen habe, das Land zu verlassen, habe ihm seine Familie gesagt, dass ihre Familie wolle, dass er sie mitnehme. Von seinem kurzfristig gefassten Entschluss habe ihre Familie erfahren, weil man als Verwandte oder Angeheiratete ja immer wieder miteinander telefoniere. Konkret habe ihr Vater seinen Vater angerufen und ihn darum gebeten, dass er seine Tochter mitnehme. Vorher hätten die Familien durch ihre normalen Kontakte miteinander von seiner Ausreiseabsicht erfahren. Beide Familien hätten Telefon, es gebe doch kaum noch jemanden in Afghanistan, der kein Telefon habe. Auf Frage, wie seine Ehefrau auf seine Entscheidung, Afghanistan zu verlassen, reagiert habe, antwortete er, dass er ja habe gehen müssen, was habe sie daran ändern können. Seine Ehefrau heiße ... A. und sei 17 oder 18 Jahre alt; sie hätten eine 2013 geborene Tochter namens ..., beide lebten bei seinen Eltern. Über die Probleme seiner „Schwägerin“ in Afghanistan wisse er nur, dass sie dort Kinder geimpft habe, also entsprechend beruflich tätig gewesen sei. Ob das etwas mit ihrem Ausreisegrund zu tun gehabt habe, wisse er nicht.

Mit Bescheid vom 18.11.2016 lehnte die Beklagte die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, den Antrag auf Asylanerkennung und die Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus ab; Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG lägen nicht vor. Zugleich forderte sie den Kläger zur Ausreise auf und drohte ihm die Abschiebung nach Afghanistan an; das gesetzliche Einreise- und Aufenthaltsverbot wurde auf 30 Monate ab dem Tag der Abschiebung befristet. In der Begründung heißt es unter anderem, die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Anerkennung als Asylberechtigter lägen nicht vor. Der Kläger sei kein Flüchtling im Sinne des § 3 AsylG. Staatlich zu verantwortende Verfolgungsmaßnahmen seien nicht einmal ansatzweise vorgetragen. Zu seinem Sachvortrag sei festzuhalten, dass der bloße Verweis auf eine an seinen Cousin gerichtete Verfolgungshandlung der Annahme einer individuellen Verfolgungshandlung nicht genüge. Soweit er telefonische Bedrohungen seitens der Taliban geltend mache, sei er trotz dieser weitere vier Monate als Regionalpolizist beschäftigt gewesen; wenn der Druck aufgrund der Drohanrufe so hoch gewesen sei, erscheine es aber völlig unverständlich, wieso er weiter als Polizist tätig gewesen sei. Daher sei festzustellen, dass er weder eine individuelle Verfolgungshandlung noch eine individuelle Gefahr eines ernsthaften Schadens habe darstellen können. Zudem habe er ausreichend interne Schutzmöglichkeiten bei einer Rückkehr nach Afghanistan. Er gehöre zur Gruppe der gesunden und arbeitsfähigen jungen Männer, bei denen grundsätzlich davon auszugehen sei, dass interne Schutzmöglichkeiten für die gesamte Familie in afghanischen Städten wie z.B. Kabul, Herat oder Mazar-e Sharif sowie in den Provinzen Bamiyan und Panshir bestünden, so dass es ihm zugemutet werden könne, sich in diesem sicheren Landesteil aufzuhalten. Die engeren Voraussetzungen des Art. 16a Abs. 1 GG für die Anerkennung als Asylberechtigter seien somit gleichfalls nicht erfüllt.

Die Voraussetzungen für die Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus seien ebenso nicht gegeben. Dem Kläger drohe in seinem Herkunftsland nicht die Todesstrafe. Anhaltspunkte dafür, dass ihm nach Rückkehr ein ernsthafter Schaden durch Folter, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung drohe, seien nicht ersichtlich. Zwar sei davon auszugehen, dass in Afghanistan ein innerstaatlicher bewaffneter Konflikt bestehe oder zumindest nicht ausgeschlossen werden könne und sich der Kläger „als Zivilperson daran nicht aktiv beteiligt“ habe. Der vorliegend festgestellte Grad willkürlicher Gewalt erreiche aber nicht das für eine Schutzgewährung erforderliche hohe Niveau, demzufolge jedem Antragsteller allein wegen seiner Anwesenheit ohne Weiteres Schutz nach § 4 Abs. 1 Nr. 3 AsylG gewährt werden müsse. In allen Teilen Afghanistans herrsche ein unterschiedlich stark ausgeprägter innerstaatlicher bewaffneter Konflikt in Form von Bürgerkriegsauseinandersetzungen und Guerillakämpfen zwischen den afghanischen Sicherheitskräften und den Taliban sowie anderen oppositionellen Kräften; für keine der afghanischen Provinzen könne jedoch generell ein Gefährdungsgrad für zivile Personen angenommen werden, der die Feststellung einer erheblichen individuellen Gefahr allein aufgrund einer Rückkehr in das Herkunftsgebiet und dortigen Anwesenheit rechtfertige, wie näher ausgeführt wird. Es sei auch nicht anzunehmen, dass sich die allgemeine Gefahr bei dem Kläger durch individuelle gefahrerhöhende Umstände zuspitze; konkrete Bedrohungen habe er „nicht mal ansatzweise“ und glaubhaft vorgetragen. Es könne also davon ausgegangen werden, dass ihm - zumindest in Teilen des Landes - keine individuellen Gefahren drohten.

Abschiebungsverbote lägen ebenfalls nicht vor. In Bezug auf § 60 Abs. 5 AufenthG i.V.m. Art. 3 EMRK und individuell durch einen konkret handelnden Täter drohende Gefahren sei keine andere Bewertung als bei der Prüfung des subsidiären Schutzes denkbar; auch die derzeitigen humanitären Bedingungen in Afghanistan führten nicht zu der Annahme, dass bei Abschiebung des Klägers ausnahmsweise eine Verletzung des Art. 3 EMRK vorliege. Zwar sei Afghanistan durch viele Jahre der kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt und müsse die Sicherheitslage weiterhin als angespannt betrachtet werden; hinsichtlich der wirtschaftlichen Existenzbedingungen bestünden ebenfalls noch erhebliche Defizite. Selbst wenn er in seiner Heimat über keine Angehörigen verfüge, sei aber davon auszugehen, dass der Kläger als volljähriger, junger gesunder Mann, der „mangels familiärer Bindungen“ keine Unterhaltslasten habe, auch ohne nennenswertes Vermögen, ohne abgeschlossene Berufsausbildung und ohne familiären Rückhalt im Falle einer Rückkehr in der Lage wäre, durch Gelegenheitsarbeiten etwa in Kabul, aber auch in seiner Heimatprovinz wenigstens ein kleines Einkommen zu erzielen, sich damit zumindest ein Leben „am Rand des Existenzminimums“ zu finanzieren und allmählich wieder in die afghanische Gesellschaft zu integrieren. Er habe die Schule bis zur 8. Klasse besucht und habe Erfahrung als Regionalpolizist. Sein Vater betreibe einen Lebensmittelladen und seine Familie besitze mehrere Grundstücke. Er sei auch nicht allzu lange aus seinem Heimatland ausgereist. In Anbetracht der Gesamtsituation sei ihm eine Wiedereingliederung in die afghanische Gesellschaft zuzumuten. Auch unter Berücksichtigung der individuellen Umstände sei die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung des Art. 3 EMRK oder anderer Menschenrechte oder Grundfreiheiten durch die Abschiebung nicht beachtlich. Ihm drohe auch keine individuelle Gefahr für Leib oder Leben im Sinne des § 60 Abs. 7 AufenthG. Gründe sich die von einem Ausländer geltend gemachte Furcht auf Gefahren, die die ganze Bevölkerung oder eine Bevölkerungsgruppe, der er angehöre, allgemein beträfen, sei die Anwendung des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG im Verfahren beim Bundesamt gesperrt und blieben Schutzanordnungen für den betroffenen Personenkreis gemäß § 60a AufenthG der obersten Landesbehörde vorbehalten (§ 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG). - Der Bescheid wurde dem Kläger am 24.11.2016 durch Niederlegung zugestellt.

Der Kläger hat mit Eingang bei Gericht vom 07.12.2016 Klage erhoben. Er trägt im Wesentlichen vor, ihm sei die Flüchtlingseigenschaft bzw. subsidiärer Schutz, jedenfalls aber ein Abschiebungsverbot zuzuerkennen. Entgegen der Auffassung der Beklagten habe er politische Verfolgung erlebt. Durch seine Tätigkeit als Regionalpolizist habe er sich gegen die Taliban gestellt, die immer wieder betont hätten, sie übten die Macht- und Ordnungsfunktionen aus. Zwar habe er noch vier Monate weitergearbeitet, nachdem er bedroht worden sei. Er habe zunächst gehofft, dass sich die Lage verbessere. Nachdem sein Cousin jedoch in Kabul getötet worden sei, habe er für sich keine Chance mehr gesehen, sicher im Land bleiben zu können. Darüber hinaus sei ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG anzunehmen. In Afghanistan bestehe ein innerstaatlicher bewaffneter Konflikt. Dabei lägen gefahrerhöhende Umstände wegen seiner Tätigkeit als Regionalpolizist vor. In Afghanistan sei eine besonders exponierte Gefahrensituation gegeben, wie näher ausgeführt wird. Ergänzend legte der Kläger Kopien zweier fremdsprachiger Dokumente vor; dabei handele es sich um seinen Polizeiausweis sowie eine Bescheinigung über einen sechsmonatigen Lehrgang mit Ausbildung an der Waffe.

Der Kläger beantragt,

die Beklagte unter entsprechender Aufhebung des Bescheides vom 18.11.2016 zu verpflichten, ihm die Flüchtlingseigenschaft gemäß § 3 Abs. 1 AsylG zuzuerkennen,

hilfsweise, ihm subsidiären Schutz gemäß § 4 Abs. 1 AsylG zuzuerkennen,

weiter hilfsweise, festzustellen, dass ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 5, Abs. 7 Satz 1 AufenthG vorliegt.

Die Beklagte beantragt schriftsätzlich,

die Klage abzuweisen.

Sie bezieht sich zur Begründung auf die angefochtene Entscheidung.

Mit Beschluss der Kammer vom 29.01.2018 - 5 K 2596/16 - wurde dem Kläger Prozesskostenhilfe bewilligt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sachverhalts wird auf den Inhalt der Gerichtsakten des vorliegenden Verfahrens und der beigezogenen Verwaltungsakten der Beklagten (incl. der Akte 6642413-1-423 über seine Tante ... A.) sowie der Ausländerakten der Zentralen Ausländerbehörde Bezug genommen; dieser war ebenso wie die in der Anlage zur Sitzungsniederschrift bezeichneten Teile der Dokumentation Afghanistan Gegenstand der mündlichen Verhandlung.

Entscheidungsgründe

Die Klage ist zulässig und bereits im Hauptantrag begründet. Soweit mit dem angefochtenen Bescheid der Beklagten die vom Kläger begehrte Flüchtlingsanerkennung abgelehnt wird, ist dies rechtswidrig und verletzt den Kläger in seinen Rechten. Nach der gemäß § 77 Abs. 1 AsylG maßgeblichen Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung hat er vielmehr nach § 3 Abs. 1 AsylG - aufgrund der im vorliegenden Einzelfall individuell erlittenen Vorverfolgung - Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft (§ 113 Abs. 5 Satz 1 VwGO).

I.

Nach § 3 Abs. 1 AsylG ist ein Ausländer Flüchtling im Sinne des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28.07.1951 (Genfer Flüchtlingskonvention – GFK),(BGBl. 1953 II S. 559, 560) wenn er sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb seines Herkunftslandes befindet. Dabei regelt § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halbs. 3 AsylG, dass eine Verfolgung wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe auch dann vorliegen kann, wenn sie allein an das Geschlecht oder die geschlechtliche Identität anknüpft. Als Verfolgung im Sinne des § 3 Abs. 1 AsylG gelten gemäß Nr. 1 des § 3a Abs. 1 AsylG Handlungen, die aufgrund ihrer Art oder Wiederholung so gravierend sind, dass sie eine schwerwiegende Verletzung der grundlegenden Menschenrechte darstellen, insbesondere der Rechte, von denen nach Art. 15 Abs. 2 EMRK(Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 04.11.1950 (Europäische Menschenrechtskonvention), BGBl. 1952 II S. 685, 953) keine Abweichung zulässig ist; gleiches gilt gemäß Nr. 2 der Vorschrift für Handlungen, die in einer Kumulierung unterschiedlicher Maßnahmen, einschließlich einer Verletzung der Menschenrechte, bestehen, die so gravierend ist, dass eine Person davon in ähnlicher wie der in Nr. 1 beschriebenen Weise betroffen ist. Nach § 3c AsylG kann die Verfolgung ausgehen von 1. dem Staat, 2. Parteien oder Organisationen, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen, oder 3. nichtstaatlichen Akteuren, sofern die in den Nummern 1 und 2 genannten Akteure einschließlich internationaler Organisationen erwiesenermaßen nicht in der Lage oder nicht willens sind, im Sinne des § 3d Schutz vor Verfolgung zu bieten, und dies unabhängig davon, ob in dem Land eine staatliche Herrschaftsmacht vorhanden ist oder nicht. Zwischen den in den §§ 3 Abs. 1 und 3b AsylG bezeichneten Verfolgungsgründen und den in § 3a Abs. 1 und 2 AsylG als Verfolgung eingestuften Handlungen muss gemäß § 3a Abs. 3 AsylG eine Verknüpfung bestehen. Bei der Bewertung der Begründetheit der Verfolgungsfurcht reicht es gemäß § 3b Abs. 2 AsylG aus, wenn diese Merkmale dem Ausländer von seinem Verfolger lediglich zugeschrieben werden.

Dabei ist die Frage, ob einem Schutzsuchenden eine politische Verfolgung oder eine sonstige in § 3 Abs. 1 Nr. 1 AsylG genannte Verfolgung droht, nach ständiger obergerichtlicher Rechtsprechung anhand einer Prognose zu beurteilen, die von einer zusammenfassenden Bewertung des zur Prüfung gestellten Lebenssachverhalts auszugehen und die Wahrscheinlichkeit künftiger Geschehensabläufe bei einer hypothetisch zu unterstellenden Rückkehr des Schutzsuchenden in seinen Heimatstaat zum Gegenstand hat.(vgl. nur OVG des Saarlandes, Urteil vom 18.01.2018 - 2 A 287/17 -, juris, Rn. 20) Unter Berücksichtigung der einschlägigen unionsrechtlichen Vorgaben ist die Furcht vor Verfolgung begründet, wenn dem Ausländer die vorgenannten Gefahren aufgrund der in seinem Herkunftsland gegebenen Umstände in Anbetracht seiner individuellen Lage tatsächlich, das heißt mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit, drohen (Art. 2 lit. d Anerkennungsrichtlinie - ARL -).(Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.12.2011 über Normen für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes) Der Wahrscheinlichkeitsmaßstab setzt voraus, dass bei einer zusammenfassenden Würdigung des zur Prüfung gestellten Lebenssachverhalts die für eine Verfolgung sprechenden Umstände ein größeres Gewicht besitzen und deshalb gegenüber den dagegen sprechenden Tatsachen überwiegen. Dabei ist eine „qualifizierende" Betrachtungsweise im Sinne einer Gewichtung und Abwägung aller festgestellten Umstände und ihrer Bedeutung zu Grunde zu legen. Es kommt darauf an, ob in Anbetracht dieser Umstände bei einem vernünftig denkenden, besonnenen Menschen in der Lage des Betroffenen Furcht vor Verfolgung hervorgerufen werden kann.(vgl. zur Orientierung am Maßstab einer „tatsächlichen Gefahr“ (englisch: real risk) im Sinne der Rechtsprech-ung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zu Art. 3 EMRK etwa BVerwG, Urteile vom 20.02.2013 - 10 C 23.12 -, BVerwGE 146, 147, und vom 01.06.2011 - 10 C 25.10 -, BVerwGE 140, 22, sowie Beschluss vom 15.08.2017 - 1 B 120.17 -, juris) Dabei sind alle für eine Verfolgung sprechenden Gründe in ihrer gegenseitigen Einflussnahme und Abhängigkeit einer Gesamtwürdigung zu unterziehen.(vgl. BVerwG, Urteil vom 18.10.1983 - 9 C 158.80 -, BVerwGE 68, 106)

Maßgebend ist damit letztlich der Gesichtspunkt der Zumutbarkeit. Die Zumutbarkeit bildet das vorrangige qualitative Kriterium bei der Beurteilung, ob die Wahrscheinlichkeit einer Gefahr „beachtlich“ ist. Die Betrachtung ist weder auf einen quantitativ zu ermittelnden überwiegenden Wahrscheinlichkeitseintritt reduziert, noch ist der quantitative Aspekt ausgeschlossen. Auch bei quantitativ nicht überwiegender Wahrscheinlichkeit einer Gefahr, d.h. einem mathematischen Wahrscheinlichkeitsgrad von weniger als 50 %, kann eine politische Verfolgung gegeben sein, wenngleich die bloße theoretische Möglichkeit einer Verfolgung nicht ausreicht, da ein vernünftig denkender Mensch sie außer Betracht lässt. Wenn sich aus den Gesamtumständen des Falles die reale Möglichkeit einer Verfolgung ergibt, riskiert kein verständiger Mensch die Rückkehr in das Herkunftsland. Bei der Abwägung aller Umstände bezieht der verständige, besonnen und vernünftig denkende Betrachter neben dem Alter des potentiellen Rückkehrers auch die besondere Schwere des befürchteten Eingriffs in gewissem Umfang ein. Es besteht ein erheblicher Unterschied, ob die Gefahr z.B. eines Verhörs ohne Folter, einer Inhaftierung über Stunden, Tage, Monate, Jahre, der Folter oder aber des „Verschwindenlassens“ oder der Todesstrafe droht.(vgl. BVerwG, Urteil vom 01.06.2011, a.a.O.)

Des Weiteren ist nach Art. 4 Abs. 4 ARL(a.a.O.) die Tatsache, dass ein Antragsteller bereits verfolgt wurde oder einen sonstigen ernsthaften Schaden erlitten hat bzw. von solcher Verfolgung oder einem solchem Schaden unmittelbar bedroht war, ein ernsthafter Hinweis darauf, dass seine Furcht vor Verfolgung begründet ist bzw. dass er tatsächlich Gefahr läuft, ernsthaften Schaden zu erleiden, es sei denn, stichhaltige Gründe sprechen dagegen, dass er erneut von solcher Verfolgung oder einem solchen Schaden bedroht wird. Die bereits erlittener Verfolgung gleichzustellende unmittelbar - d.h. mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit - drohende Verfolgung setzt eine Gefährdung voraus, die sich schon so weit verdichtet hat, dass der Betroffene für seine Person ohne Weiteres mit dem jederzeitigen Verfolgungseintritt aktuell rechnen muss.(vgl. BVerwG, Urteil vom 24.11.2009 - 10 C 24.08 -, BVerwGE 135, 252, m.w.N.)

Das Gericht muss dabei die volle Überzeugung von der Wahrheit des behaupteten individuellen Schicksals und von der Richtigkeit der Prognose drohender politischer Verfolgung gewinnen. Aufgrund der Beweisschwierigkeiten, in denen sich der Schutzsuchende hinsichtlich der asylbegründenden Vorgänge im Heimatland regelmäßig befindet, muss sich das Gericht hinsichtlich dieser Umstände mit einem für das praktische Leben brauchbaren Grad an Gewissheit begnügen, auch wenn Zweifel nicht völlig ausgeschlossen werden können. Es genügt insoweit in der Regel Glaubhaftmachung, während für Vorgänge innerhalb des Zufluchtlandes prinzipiell der volle Nachweis zu fordern ist. Bei erheblichen Widersprüchen oder Steigerungen im Sachvortrag kann dem Kläger indes nur bei einer überzeugenden Auflösung der Unstimmigkeiten geglaubt werden.(vgl. BVerwG, Entscheidungen vom 21.07.1989 - 9 B 239.89 -, vom 16.04.1985 - 9 C 109.84 - und vom 29.11.1977 - 1 C 33.71 -, jeweils zitiert nach juris)

II.

In Anwendung dieser Maßstäbe hat der Kläger ein individuelles Schicksal, das seine Vorverfolgung belegt, hinreichend glaubhaft gemacht. Das Gericht ist nach Durchführung der mündlichen Verhandlung aufgrund des Gesamtergebnisses des Verfahrens im Sinne des § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO und mit einem für das praktische Leben brauchbaren Grad an Gewissheit davon überzeugt, dass sein Vortrag jedenfalls im Kern der Wahrheit entspricht und er in seinem Heimatland bereits Verfolgungsmaßnahmen erlitten hat und mit dem Tod bedroht wurde sowie im Falle seiner Rückkehr hiervon erneut bedroht wäre. Im vorliegenden Einzelfall ist daher davon auszugehen, dass der Kläger nicht unverfolgt ausgereist ist, sondern in nahem zeitlichem Zusammenhang mit seiner Ausreise aus Afghanistan politische Verfolgung im Sinne der §§ 3 und 3a AsylG erlitten hat.

Der Kläger hat durchgängig und widerspruchsfrei vorgetragen, dass er als Regionalpolizist in der Provinz Paktia in Konflikt mit den Taliban gekommen ist. So hat er namentlich ein mehrstündiges nächtliches Feuergefecht detailliert beschrieben, an dem er unter Einsatz von Waffen beteiligt war und in dessen Verlauf drei Taliban-Kämpfer zu Tode gekommen sind. Er hat weiter substantiiert dargelegt, dass es danach zu wiederholten und massiven Drohanrufen der Taliban insbesondere gegenüber dem Kommandeur seiner Polizeieinheit, seinem Cousin, aber auch gegenüber seiner Person gekommen ist. Der Kläger, der gleichwohl an seinem Polizeidienst festgehalten hat, hat sich nach seinen Angaben erst zur Ausreise entschlossen, als dieser wegen den Drohungen der Taliban nach Kabul geflüchtete Cousin dort unter näher bezeichneten Umständen ermordet wurde. Sein Vortrag stellt sich als ganz überwiegend plausibel und in zentralen Bereichen des von ihm geschilderten Verfolgungsgeschehens als detailreich dar. Vor allem vermochte der Kläger in der mündlichen Verhandlung eine Vielzahl von kritischen Fragen und Vorhalten gerade auch der Beklagtenseite im Wesentlichen überzeugend, nachvollziehbar und konsistent zu beantworten, so dass Zweifel zwar nicht völlig, aber doch weitgehend und mit einem hinreichenden Grad an Gewissheit ausgeschlossen werden können. Das Gericht glaubt dem Kläger aufgrund des persönlichen Eindrucks in der mündlichen Verhandlung und trotz gewisser verbleibender Unklarheiten im Rahmen der gebotenen Gesamtwürdigung jedenfalls, dass er in seinem Heimatland vor seiner Ausreise konkreten Verfolgungsmaßnahmen der Taliban ausgesetzt und weiterhin verfolgungsgefährdet war sowie im Falle seiner Rückkehr erneut verfolgungsgefährdet wäre.

Die von der Beklagten im angefochtenen Bundesamtsbescheid erhobenen Bedenken gegen die Glaubhaftigkeit seines Vortrags vermögen dagegen jedenfalls vor dem Hintergrund der mündlichen Verhandlung nicht zu überzeugen. Vielmehr leidet der - nicht vom seinerzeitigen Anhörer gefertigte - Bescheid der Beklagten bereits darunter, dass er den Vortrag des Klägers bei seiner Bundesamtsanhörung auch in wesentlichen Punkten nicht korrekt wiedergibt, den konkreten individuellen Vortrag des Klägers mehrfach übergeht und teilweise - offensichtlich - Textbausteine verwendet, die erkennbar im Widerspruch zu den Gegebenheiten des vorliegenden Einzelfalls stehen. So argumentiert der angefochtene Bescheid etwa, es sei völlig unverständlich, wieso der Kläger trotz der Drohanrufe der Taliban weiter als Polizist tätig gewesen sei, obschon der Kläger bereits bei seiner Bundesamtsanhörung substantiiert vorgetragen hat, dass auslösendes Ereignis seiner Flucht erst die Ermordung seines Cousins in Kabul war, nicht aber die Drohanrufe selbst waren. Soweit der Bescheid der Beklagten im Weiteren ausführt, der Kläger sei an dem innerstaatlichen Konflikt in Afghanistan als Zivilperson nicht aktiv beteiligt gewesen, ignoriert er, dass der Kläger angegeben hat, als Regionalpolizist aktiv und bewaffnet an einem mehrstündigen Feuergefecht mit den Taliban beteiligt gewesen zu sein, bei dem es zu mehreren Toten und Verletzten gekommen ist. Gleiches gilt, wenn es darin heißt, konkrete Bedrohungen habe der Kläger „nicht mal ansatzweise“ vorgetragen, obwohl dieser massive Drohanrufe der Taliban substantiiert geltend gemacht hat. Schlicht tatsachenwidrig ist ferner, dass der Kläger „mangels familiärer Bindungen“ in seiner Heimat keine Unterhaltslasten haben soll, obwohl er nach seinen Angaben verheiratet und Vater einer Tochter ist. Die Liste der offensichtlichen und gravierenden Fehlleistungen im angefochtenen Bescheid ließe sich weiter fortsetzen. Als seriöse Grundlage einer gerichtlichen Entscheidung ist der vorliegende Bundesamtsbescheid unter diesen Umständen bereits im Ansatz nicht tauglich.

Das vom Kläger berichtete Verfolgungsschicksal hingegen wird gestützt durch die von ihm in der mündlichen Verhandlung auch im Original vorgelegten Dokumente, u.a. seinen Dienstausweis, die seine Tätigkeit als einfacher Polizist hier - trotz der bei afghanischen Dokumenten angebrachten grundsätzlichen Skepsis -(Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Islamischen Republik Afghanistan, Stand: Mai 2018, Gz. 508-516.80/3 AFG, Abschn. V.1) ausreichend belegen. Die Kammer geht insoweit davon aus, dass in Asylverfahren vorgelegte Dokumente aus Afghanistan einen glaubhaften Vortrag stützen können, während den selben Dokumenten bei einem nicht stimmigen oder unglaubhaften Vortrag kein Beweiswert irgendwelcher Art zukommt.(vgl. nur Urteil der Kammer vom 20.08.2014 - 5 K 60/14 -, m.w.N.) Vorliegend stützen die vorgelegten Originaldokumente den Vortrag des Klägers im dargestellten Sinn. Sie weisen jedenfalls keine offensichtlichen Fälschungsmerkmale auf und wurden hinsichtlich ihrer Echtheit auch von der Beklagtenseite in der mündlichen Verhandlung nicht in Zweifel gezogen. Soweit die in ihnen enthaltenen Lichtbilder zunächst den Eindruck erwecken, dass die abgebildete Person zwar einerseits deutliche Ähnlichkeiten mit dem Kläger aufweist, andererseits aber etwas älter wirkt, hat der Kläger dies noch nachvollziehbar mit seiner neuen Frisur und seiner veränderten Barttracht zu erklären vermocht, mit denen er in der Tat ein westlicheres und moderneres und damit „jüngeres“ Erscheinungsbild abgibt als das eher konservative Abbild in den genannten Lichtbildern; von einer Identität des Klägers mit der abgebildeten Person kann daher mit Blick auf die zugleich unbestreitbaren physiognomischen Ähnlichkeitsmerkmale trotz gewisser Zweifel im Ergebnis noch ausgegangen werden. Dass seine Person ins Blickfeld der Taliban geraten ist, erklärt sich entgegen den von der Beklagtenseite in der mündlichen Verhandlung geäußerten Zweifeln nicht nur aus seiner Tätigkeit als Polizist, sondern insbesondere auch aus seiner dargelegten aktiven Mitwirkung an einem Feuergefecht, in dessen Verlauf drei Talibankämpfer zu Tode gekommen sind. Obwohl der Kläger selbst vor Ort und im Polizeidienst geblieben war und damit für die Taliban möglicherweise greifbarer gewesen wäre, erscheint es zugleich hinreichend nachvollziehbar, dass die Taliban sich für die Tötung ihrer Kämpfer zunächst an seinem Cousin als seinerzeitigem Kommandeur der Polizeieinheit rächen wollten und mutmaßlich gerächt haben.

Der in seiner konkreten Gestalt auch nicht standardisiert erscheinende Vortrag des Klägers steht überdies in Übereinstimmung mit der aktuellen Auskunftslage. Nach dem aktuellen Lagebericht des Auswärtigen Amts vom 31.05.2018(Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Islamischen Republik Afghanistan, Stand: Mai 2018, Gz. 508-516.80/3 AFG) (dort unter Abschn. I) ist Afghanistan durch eine anhaltend komplexe Sicherheitslage geprägt, die Elemente terroristischer Gewalt ebenso einschließt wie organisierte Kriminalität und lokale Stammeskonflikte; weiter heißt es darin (Abschn. II.1), dass die Bedrohung des Einzelnen nur unter Berücksichtigung regionaler und lokaler Gegebenheiten und unter Einbeziehung sämtlicher individueller Aspekte des Einzelfalls wie Ethnie, Stamm, Konfession, Geschlecht, Familienstand und Herkunft beurteilt werden kann. Auch das Bundesverfassungsgericht spricht in Bezug auf Afghanistan von einem Land, das „aufgrund der Dynamik des dort herrschenden Konflikts von einer äußerst volatilen und zudem regional sehr unterschiedlichen Sicherheitslage geprägt ist und in dem wegen einer stetigen Verschlechterung der Sicherheitslage in den letzten zwei Jahren die Gefahr besteht, dass die Schwelle des § 4 Abs. 1 Satz 1, Satz 2 Nr. 3 AsylG überschritten sein könnte“.(Kammerbeschluss vom 25.04.2018 - 2 BvR 2435/17 -, juris, Ls. 3 und Rn. 34)

Im Einzelnen ist zunächst belegt, dass die afghanische Polizei als Teil der nationalen Sicherheitskräfte auch eine gesonderte, ca. 29.000 Mann starke - ausschließlich durch das US-amerikanische Verteidigungsministerium finanzierte - Lokalpolizei umfasst, deren Einbindung in die örtliche Gemeinschaft als zur Bekämpfung der Aufständischen integral angesehen wird und der der Kläger offensichtlich angehörte. Diese sind „prioritäre Ziele der Aufständischen“, zahlreiche Angriffe und Zusammenstöße sind ebenso wie hohe Opferzahlen - nach der Auskunftslage ca. 2 % jährlich - auch aktuell belegt; ihre Eliminierung ist erklärtes Ziel der Talibanführung.(Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl der Republik Österreich (BFA), Länderinformationsblatt der Staatendokumentation Afghanistan, Gesamtaktualisierung am 29.06.2018, S. 24 ff., 236 f. und 241, m.w.N.; F. Stahlmann, Gutachten an das VG Wiesbaden vom 28.03.2018 - zu Gz. 7 k 1757/16.Wi.A -, S. 103 und 107, m.w.N.) Zu deren Strategie gehört es auch, Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte durch eine Vielzahl von Bedrohungen gezielt zum Desertieren zu bewegen: „Mittel zum Zweck sind hierbei die Verfolgung und gezielte Tötung von Polizisten und Sicherheitskräften auch außerhalb von Kampfsituationen und die Bedrohung von Familienangehörigen.“(F. Stahlmann, a.a.O., S. 103, m.w.N.) In dieses Bild fügt sich die Darstellung des Klägers, seine örtliche Aufgaben wahrnehmende Polizeieinheit sei von den Taliban gezielt angegriffen und seine Person in der Folge Gegenstand von wiederholten und massiven Drohungen der Taliban gewesen, überdies sei sein Cousin mutmaßlich von diesen ermordet worden, zwanglos ein.

Wer aber - wie danach der Kläger - bereits Verfolgung oder einen ernsthaften Schaden erlitten hat, für den streitet die tatsächliche Vermutung, dass sich frühere Handlungen und Bedrohungen bei einer Rückkehr in das Herkunftsland wiederholen werden.(vgl. nur OVG des Saarlandes, Urteile vom 22.08.2017 - 2 A 261/17 - und vom 18.01.2018 - 2 A 287/17 -) Nach Art. 4 Abs. 4 der zur Auslegung der §§ 3 ff. AsylG ergänzend heranzuziehenden (vgl. § 1 Abs. 1 Nr. 2 AsylG) Anerkennungsrichtlinie ist nämlich, wie dargelegt, die Tatsache, dass ein Antragsteller bereits verfolgt wurde oder von solcher Verfolgung unmittelbar bedroht war, ein „ernsthafter Hinweis“ darauf, dass die Furcht des Antragstellers vor Verfolgung begründet ist - es sei denn, „stichhaltige Gründe“ sprechen dagegen, dass er erneut von solcher Verfolgung bedroht wird. Dabei setzt die Vermutung nach Art. 4 Abs. 4 der Richtlinie, dass der Antragsteller „erneut von einem solchen Schaden bedroht wird“, einen inneren Zusammenhang zwischen der Vorschädigung und dem befürchteten künftigen Schaden voraus.(vgl. zum Vorstehenden BVerwG, Urteile vom 27.04.2010 - 10 C 4.09 -, BVerwGE 136, 360, vom 27.04.2010 - 10 C 5.09 -, BVerwGE 136, 377, und vom 01.06.2011 - 10 C 25/10 -, a.a.O., sowie Beschluss vom 07.09.2010 - 10 C 11.09 -, juris, unter Verweis auf die Rechtsprechung des EGMR und des EuGH; vgl. auch OVG des Saarlandes, Urteil vom 25.08.2011 - 3 A 35/10 -, juris) Art. 4 Abs. 4 ARL privilegiert den Vorverfolgten bzw. Geschädigten durch die - widerlegbare - Vermutung, dass sich eine frühere Verfolgung oder Schädigung bei einer Rückkehr in das Herkunftsland wiederholen wird. Dadurch wird der Vorverfolgte bzw. Geschädigte von der Notwendigkeit entlastet, stichhaltige Gründe dafür darzulegen, dass sich die verfolgungsbegründenden bzw. schadensstiftenden Umstände bei der Rückkehr erneut realisieren werden. Für eine Widerlegung ist zudem erforderlich, dass stichhaltige Gründe die Wiederholungsträchtigkeit einer Verfolgung bzw. des Eintritts eines sonstigen ernsthaften Schadens entkräften. Ob die Vermutung durch „stichhaltige Gründe“ widerlegt ist, obliegt tatrichterlicher Würdigung im Rahmen freier Beweiswürdigung.(vgl. BVerwG, Urteil vom 27.04.2010 - 10 C 5/09 -, juris, Rn. 23, zur insoweit übereinstimmenden früheren EU-Qualifikationsrichtlinie (Richtlinie 2004/83/EG); OVG des Saarlandes, Urteil vom 25.08.2011 - 3 A 35/10 -, juris, Rn. 129; vgl. auch EGMR, Große Kammer, Urteil vom 28.02.2008 - Nr. 37201/16, Saadi -; EuGH, Urteil vom 02.03.2010 - Rs. C-175/08 u.a., Abdulla -, juris, Rn. 92 ff.) Die Beweislast liegt insoweit bei der Beklagten. Stichhaltige Gründe sind dann gegeben, wenn aktuell eine „hinreichende Verfolgungssicherheit“ besteht, also mit dem Wiederaufleben der ursprünglichen Verfolgung nicht zu rechnen ist und das erhöhte Risiko einer erstmaligen gleichartigen Verfolgung aus anderen Gründen nicht besteht.(vgl. OVG Hamburg, Beschluss vom 27.11.2009 - 2 Bf 337/02.A -, juris, Ls 1) Fallbezogen sind derartige stichhaltige Gründe für eine hinreichende Verfolgungssicherheit des Klägers für den Fall seiner Rückkehr nach Afghanistan aber von der Beklagten nicht überzeugend dargetan und im maßgeblichen Zeitpunkt der Entscheidung auch sonst nicht ersichtlich. Dieser Befund stimmt zudem mit der angeführten aktuellen Auskunftslage und damit auch mit den insoweit gemäß § 3e Abs. 2 Satz 2 AsylG in den Blick zu nehmenden „relevanten Quellen“ überein.

Des Weiteren kann in Afghanistan und auch in dem Heimatdorf des Klägers von bewaffneten Gruppierungen eine nichtstaatliche Verfolgung im Verständnis von § 3c Nr. 3 AsylG ausgehen, der gegenüber der afghanische Staat nicht zur entsprechenden Schutzgewährung in der Lage ist. So sind etwa die Taliban eine Organisation, die, wie ausgeführt, einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets, insbesondere Teile von Süd- und Ostafghanistan, gewissermaßen beherrscht;(vgl. auch Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 10.01.2012, S. 12; UNHCR vom 11.11.2011, S. 2) in mehreren Provinzen übt zudem der IS (ISKP) die Kontrolle aus (bzw. wird diese von sich zum IS bekennenden Gruppen ausgeübt).(Lagebericht des Auswärtigen Amts vom 31.05.2018, Abschn. II.4) Jedenfalls sind diese bewaffneten Gruppierungen als nichtstaatliche Akteure im Sinne von Art. 6 Anerkennungsrichtlinie zu qualifizieren, gegen die derzeit weder der afghanische Staat noch internationale Organisationen in der Lage sind, hinreichenden Schutz vor Verfolgung bzw. ernsthaftem Schaden zu bieten. Insbesondere muss Schutz vor Verfolgung wirksam und darf dieser nicht nur vorübergehender Art sein, wie sich aus § 3d Abs. 2 Satz 1 AsylG und Art. 7 Abs. 2 Satz 1 Anerkennungsrichtlinie ergibt. Demgegenüber lässt sich die gegenwärtige militärische Lage nach Einschätzung der NATO als Patt bezeichnen.(Lagebericht des Auswärtigen Amts vom 31.05.2018, Abschn. II.4) Der afghanische Staat ist unter diesen Umständen hier nicht zur entsprechenden Schutzgewährung in der Lage. Zur Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit der afghanischen Sicherheitsbehörden heißt es etwa im „Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage“ der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 30.09.2013 (Seite 15):

„Die schwache Regierungsführung, verbreitete Korruption sowie die Tatsache, dass diejenigen Akteure, welche den Schutz der Zivilbevölkerung gewährleisten sollen, selber immer wieder Menschenrechtsverletzungen begehen und dafür mit Straffreiheit ausgehen, unterminieren die Schutzfähigkeit der afghanischen Regierung. Zudem kann die Polizei in weiten Teilen des Landes nicht auf ein funktionierendes Justizsystem zurückgreifen und wird in zahlreichen Fällen von der Regierung nicht unterstützt. Weiter wird die Schutzfähigkeit des afghanischen Staates durch die schlechte Sicherheitslage stark eingeschränkt. Die afghanische Regierung ist nicht in der Lage, etwa von regierungsfeindlichen Gruppierungen illegal ausgeführte menschenrechtsverachtende „Strafen“ strafrechtlich zu verfolgen.“

Auch das Auswärtige Amt bestätigt in einer Auskunft an das Bundesamt der Beklagten vom 08.11.2016,(Az. 508-516.80/48924) dass der Zugriff der afghanischen Sicherheitsbehörden „nur sehr begrenzt“ ist. Näher ist in einem umfangreichen Gutachten von F. Stahlmann an das VG Wiesbaden vom 28.03.2018,(zu Az. 7 K 1757/16.WI.A) in dem von einem „kriminalitäts- und kriegsbedingt hohen Gewaltniveau“ (dort S. 136) berichtet sowie eine „mangelnde Kapazität und Kompetenz der Polizei zum Schutz der öffentlichen Ordnung“ (dort S. 139) konstatiert wird, ausgeführt (dort S. 134):

„So müssen auch Polizeikräfte als aktive Kriegspartei selbst einen immensen Aufwand zur Eigensicherung betreiben, was ihre Fähigkeit zu klassischer Polizeiarbeit meist deutlich einschränkt. Sie erhalten aufgrund der vielen Gefahren, welche die staatlichen Sicherheitskräfte für die Zivilbevölkerung bergen, und der spezifischen Reputation der Polizei oft jedoch auch keine Unterstützung aus der Bevölkerung. Viele haben zudem keinerlei Ausbildung, die sie zu einer rechtsstaatlich gedeckten Wahrung der öffentlichen Ordnung qualifizieren würden. Die Kombination aus mangelnder Akzeptanz, fehlender Qualifikation und Korruption macht die Polizei zu einem unzuverlässigen bis unbrauchbaren Partner in der Durchsetzung gerichtlicher Autorität ...“.

Weiter heißt es dort (S. 139 f. und S. 141):

„Aufklärung von Verbrechen oder Unterstützung bei der Aufklärung von Rechtsbrüchen scheitert von staatlicher Seite jedoch auch an der mangelnden Unterstützung von Seiten der Polizei.

Das liegt zum einen daran, dass Polizei und Staatsanwaltschaften die nötige Aufklärungsarbeit aus Befangenheit, Angst oder Kapazitätsgrenzen nicht leisten wollen oder können ...

Die begrenzte Bedeutung der Polizei hat jedoch auch damit zu tun, dass sie primär zur Verteidigung von Gemeinschaften gegen Feinde von außen eingesetzt wird, was weitere Ressourcen von Strafverfolgung oder der Aufrechterhaltung von Ordnung im Inneren abzieht. Nicht zuletzt entspricht diese Rolle in vielen Gegenden auch dem Selbstverständnis und den Erwartungen an die Polizei. Denn während in den Städten angesichts der immensen Kriminalität der Ruf nach Polizei im Alltag lauter wird ..., ist für große Teile der Bevölkerung das Konzept einer Polizei, die sich für Sicherheit im Alltag zuständig fühlen würde, eine sehr fremde Vorstellung – inklusive der betroffenen Polizisten ...

Wenn man Opfer von Übergriffen wird, ein Überfall passiert oder man sonst Bedarf an Schutz hat, ist der erste und einzig realistische Schritt, Solidargruppen zur Verteidigung oder Abschreckung zu mobilisieren. Nicht zuletzt versuchen sich inzwischen auch Nachbarschaftsverbände in Kabul gegen die zunehmende Kriminalität zu schützen, indem sie nachts in ihren Wohngebieten patroullieren ... “.(Ein Polizeikommandant wird in dem genannten Gutachten im Übrigen wie folgt zitiert (dort S. 140 f.): „.. you have to understand – it is only recently that Afghanistan has had a police force. People still haven’t got used to the idea of going to the police – they will go to village elders. They still do what they have traditionally done … Most people don’t have police they can go to! Even in the most modern Afghan towns, most people won’t go to the police about crimes – they will try to solve things their own way or the traditional way … <The State> and <the police> are pretty far from most people’s experience in Afghanistan – it’s not like Britain or the US!”)

In Anbetracht dessen konnte der Kläger, obschon selbst Polizeiangehöriger, weder im Zeitpunkt seiner Ausreise effektiven Schutz hinreichend zuverlässig erlangen, noch wäre ihm dies im Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung möglich.(vgl. dazu allgemein Marx, AsylG, 9. Aufl. 2017, § 3c Rn. 6) Vielmehr besteht für ihn, wie ausgeführt, eine beachtlich wahrscheinliche konkrete Gefahr in Gestalt unmenschlicher Maßnahmen.

Hinzu kommt, dass die Provinz Paktia, aus der der Kläger stammt und in der er nach seinen Angaben als Polizist Dienst getan hat, zu den unruhigen Gebieten Afghanistans zählt und als Hochburg der Taliban gilt. Es werden Militäroperationen durchgeführt und es kommt zu Zusammenstößen zwischen Aufständischen und Sicherheitskräften.(BFA, a.a.O., S. 175 ff., m.w.N.)

Nach ständiger Rechtsprechung der Kammer bietet - in Abhängigkeit von den Umständen des Einzelfalls - ggf. auch die Hauptstadt Kabul keinen dauerhaften internen Schutz im Verständnis von § 3e AsylG bzw. Art. 8 ARL.(vgl. nur Urteile vom 03.08.2018 - 5 K 1377/16 -, 12.07.2018 - 5 K 1339/16 -, 30.05.2018 - 5 K 1199/16 und 1262/16 - sowie vom 29.01.2018 - 5 K 1398/16 und 5 K 1360/16 -; vgl. auch Urteile der Kammer vom 11.05.2016 - 5 K 61/15 -, 06.05.2015 - 5 K 2100/14 -, 03.09.2014 - 5 K 391/14 - und 20.08.2014 - 5 K 60/14 -) Dies gilt zur Überzeugung des Gerichts fallbezogen auch für den Kläger. Aufgrund des Umstandes, dass der Kläger eine Verfolgung und Verfolgungsgefährdung seitens der Taliban glaubhaft dargetan hat, ist davon auszugehen, dass dieser wegen der von ihm geschilderten Probleme früher oder später in Kabul entdeckt und bedroht wird. Dies ist hier auch für die anderen größeren Städte wie Herat oder Mazar-e Sharif sowie die afghanischen Provinzen anzunehmen. Dabei kommt es im Übrigen auf die Frage, ob dem Kläger im Zeitpunkt seiner Ausreise eine inländische Fluchtalternative zur Verfügung gestanden hätte, nicht mehr an; denn im Rahmen der Flüchtlingsanerkennung kann - anders als im Rahmen des Asylrechts nach Art. 16a GG - eine Vorverfolgung nicht allein wegen einer zum Zeitpunkt der Ausreise bestehenden Fluchtalternative in einem anderen Teil des Herkunftsstaates verneint werden, sofern diese nicht zum Zeitpunkt der Entscheidung über die Flüchtlingsanerkennung unverändert fortbesteht.(vgl. BVerwG, Urteil vom 19.01.2009 - 10 C 52/07 -, juris, Rn. 29, m.w.N.; OVG des Saarlandes, Urteil vom 18.01.2018 - 2 A 287/17 -, juris; vgl. auch Marx, AsylG, 9. Aufl. 2017, § 3e Rn. 1)

Unabhängig von der nach der Rechtsprechung der Kammer weiterhin zu verneinenden Frage einer flüchtlingsrechtlich beachtlichen Wahrscheinlichkeit einer allgemeinen Gefährdung(vgl. nur Urteil der Kammer vom 30.05.2018 - 5 K 2713/16 -) ist im Übrigen hinsichtlich der Bedrohungslage für Zivilisten in Kabul durch Kampfhandlungen und Anschläge bewaffneter Gruppierungen darauf hinzuweisen, dass - gerade auch nach dem aktuellen Lagebericht des Auswärtigen Amts vom 31.05.2018 (Abschn. II.2.2) - die Provinz Kabul in 2017 die höchste absolute Opferzahl unter den afghanischen Provinzen aufwies; obwohl sie zugleich die bevölkerungsreichste Provinz darstellt, lag danach auch relativ die Bedrohungslage für Zivilisten in Kabul im Jahr 2017 leicht über dem landesweiten Durchschnitt. Auch nach den Angaben der UNAMA in ihrem Halbjahresbericht von Juli 2017(Afghanistan protection of civilians in armed conflict midyear report 2017) ist für die Provinz Kabul weiterhin die höchste Zahl an zivilen Opfern belegt, und zwar vorwiegend in Kabul City. Die Opferzahlen übersteigen diejenigen der Vorjahre; die Anschlagswahrscheinlichkeit in der Stadt Kabul im Jahr 2017 hat sich gegenüber den Vorjahren erhöht.(EASO, „Country of Origin Information Report – Afghanistan Security Situation“, Dezember 2017, S. 72) Die Vereinten Nationen erklärten im Februar 2018 die Sicherheitslage wegen einer Serie von öffentlichkeitswirksamen („high-profile“) Angriffen in städtischen Zentren, die von regierungsfeindlichen Gruppen ausgeführt wurden, für „sehr instabil“; diese Angriffe machten außerdem die Vulnerabilität der afghanischen und ausländischen Sicherheitskräfte deutlich.(zitiert nach BFA, Länderinformationsblatt der Staatendokumentation Afghanistan, a.a.O., S. 20 und S. 46) In der Hauptstadt Kabul sollen Infrastruktur, Logistik und möglicherweise auch Personal („terrorists to hire“) existieren, die von Taliban- und anderen Gruppierungen verwendet werden.(BFA, Länderinformationsblatt der Staatendokumentation Afghanistan, a.a.O., S. 48, m.w.N.) Zugleich wird Afghanistan durch die Versorgung von Hunderttausenden Rückkehrern, vor allem aus den Nachbarländern Iran und Pakistan, sowie von Binnenvertriebenen vor große Herausforderungen gestellt, wie sich aus der Zusammenfassung des angeführten Lageberichts des Auswärtigen Amts vom 31.05.2018 ergibt. Die Absorptionsfähigkeit der genutzten Ausweichmöglichkeiten, vor allem im Umfeld größerer Städte, ist durch die hohe Zahl der Binnenvertriebenen und der Rückkehrer bereits stark in Anspruch genommen (Abschn. II.3 des Lageberichts vom 31.05.2018). Auch der UNHCR(Anmerkung zur Situation in Afghanistan auf Anfrage des Deutschen Bundesministeriums des Innern, Dezember 2016, S. 7) berichtet, dass die Aufnahmekapazität Kabuls aufgrund begrenzter Möglichkeiten der Existenzsicherung, der Marktliquidität, der fehlenden Verfügbarkeit angemessener Unterbringungsmöglichkeiten sowie des mangelnden Zugangs zu grundlegenden Versorgungsleistungen, insbesondere im Gesundheits- und Bildungswesen sowie im Dienstleistungsbereich, „äußerst eingeschränkt“ ist. Bereits in den Jahren 2013 und 2014 sollen nahezu drei Viertel (73,8 %) der städtischen Bevölkerung in Slums gelebt haben.(vgl. Stahlmann, Überleben in Afghanistan?, Asylmagazin 3/2017, S. 73, 76, m.w.N.) In der Provinz Nangarhar, die die meisten Rückkehrer zu verzeichnen hat - doppelt so viel wie Kabul -, sind 69 % der Bewohner von sog. informellen Siedlungen Rückkehrer; die Zustände dort gelten besonders wegen der Gesundheits- und Sicherheitsverhältnisse als „besorgniserregend“.(BFA, Länderinformationsblatt der Staatendokumentation Afghanistan, a.a.O., S. 328 f., m.w.N.) Die Grundversorgung ist in Afghanistan für große Teile der Bevölkerung eine tägliche Herausforderung, was für Rückkehrer in besonderem Maße gilt; hinzu kommt, dass für 2018 eine Dürre mit erheblichen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung vorhergesagt wird (Abschn. IV.1.1 des Lageberichts vom 31.05.2018).

Jedenfalls ist unabhängig hiervon bereits bei einer Gesamtschau der den Fall prägenden Sachverhaltsumstände eine Verfolgung vorliegend nach allem „beachtlich wahrscheinlich“ (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Es ist einzelfallbezogen davon auszugehen, dass der Kläger sein Herkunftsland aus begründeter Furcht vor (erneuter) Verfolgung im Sinne des § 3 Abs. 1 Nr. 1 AsylG verlassen hat.

Die Beklagte ist daher unter entsprechender Aufhebung ihres angefochtenen Bescheids zu verpflichten, dem Kläger die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen; auf die Begründetheit der hilfsweise gestellten weiteren Anträge kommt es sonach auch im Hinblick auf § 31 Abs. 3 Satz 2 AsylG nicht an.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO i.V.m. § 83b AsylG.

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus § 167 VwGO i.V.m. §§ 708 Nr. 10, 711 Satz 1 ZPO.