OVG Saarlouis Beschluß vom 24.9.2012, 2 A 223/12

Verlagerung der Abstandsflächen auf das Nachbargrundstück

Leitsätze

Für das Nachbargrundstück und seine Eigentümer hat die Anwendung des einen Abstandsflächennachweis auf privaten Nachbargrundstücken ermöglichenden § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 einen an die Bestandszeit des Bauwerks anknüpfenden und daher in aller Regel dauerhaften Eingriff in ihr Grundeigentum zur Folge, der im eigentumsrechtlichen Verständnis nicht durch einen Verweis auf Gründe des Allgemeinwohls gerechtfertigt werden kann, vielmehr ausschließlich den Interessen privater Dritter, das heißt der Bauherrinnen und Bauherren beziehungsweise der Eigentümerinnen und Eigentümer des Baugrundstücks dient.



Eine solche abstandsflächenrechtliche Inanspruchnahme des Nachbargrundstücks wegen öffentlich-rechtlich gesicherter beziehungsweise sich aus tatsächlichen Gründen ergebender fehlender Überbaubarkeit der fraglichen Flächen auf dem Nachbargrundstück kann gegen den Willen seiner Eigentümerinnen und Eigentümer vor dem Hintergrund der Eigentumsgarantie (Art. 14 GG, Art. 18 Abs. 1 SVerf) allenfalls in Ausnahmefällen gerechtfertigt werden, wenn sicher feststeht, dass dem Nachbarn letztlich auch für die Zukunft "nichts genommen" wird.



Mit Blick auf das Überdeckungsgebot (§§ 7 Abs. 3 LBO 2004, 8 Abs. 6 Satz 2 LBO 2008) darf die Betrachtung nicht auf die für die Verlagerung der "Abstandsflächen" in Frage kommenden Teilflächen des Nachbargrundstücks beschränkt werden. Vielmehr ist zusätzlich in den Blick zu nehmen, ob die "nicht überbaubaren Grundstücksteile" nicht für einen mit Blick auf Art. 14 GG vorrangigen Abstandsflächennachweis des Eigentümers des Nachbargrundstücks für ein eigenes Bauvorhaben auf anderen (angrenzenden) Teilen seines Grundstücks benötigt werden können.



Der zu den früheren Befreiungsvorschriften in §§ 75 LBO 1996, 64 LBO 1988, 95 LBO 1974/80 entwickelte Grundsatz, wonach wegen der in diesen Bestimmungen durchgängig vom Gesetzgeber geforderten Würdigung nachbarlicher Interessen eine Befreiung von nachbarschützenden Anforderungen des Bauordnungsrechts - dazu zählen die sich aus § 7 LBO 2004 ergebenden Grenzabstandserfordernisse - gegen den Willen der betroffenen Nachbarn in aller Regel nicht in Betracht kam, gilt auch für die nunmehr in § 68 Abs. 1 LBO 2004 vorgesehene Abweichungsmöglichkeit.

Tenor

Der Antrag des Klägers auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts des Saarlandes vom 6. Juni 2012 – 5 K 16/12 – wird zurückgewiesen.

Die Kosten des Zulassungsverfahrens trägt der Kläger.

Der Streitwert wird für das Berufungszulassungsverfahren auf 10.000,- EUR festgesetzt.

Gründe

I.

Der Kläger ist Eigentümer der Parzellen Nr. 83/3 und 83/4 in Flur 17 der Gemarkung A-Stadt. Auf dem Grundstück (Anwesen A-Straße) befindet sich ein Restaurant (g). Der Kläger wendet sich gegen eine Anordnung des Beklagten zur Beseitigung rückseitiger Anbauten an dieses Gebäude.

Ende Mai 2010 forderte der Beklagte den Kläger zunächst unter Bezugnahme auf Feststellungen vor Ort auf, ohne Baugenehmigung begonnene und noch nicht abgeschlossene Bauarbeiten zur Errichtung einer insgesamt ca. 30 m langen rückwärtigen Grenzbebauung, bestehend aus einer eingeschossigen Holzüberdachung, einem zweigeschossigen Lager in Massivbauweise und einem Kühlraum sofort einzustellen. Gleichzeitig wurde die weitere Nutzung der Anlagen untersagt und der Kläger zur Einreichung eines Bauantrags aufgefordert.(vgl. die beiden Bescheide vom 31.5.2010 – jeweils 36-2010/0119 –) Ein im September 2010 gestellter Bauantrag des Klägers wurde im Oktober 2010 wegen Unvollständigkeit als nicht bearbeitungsfähig zurückgewiesen.(vgl. den Bescheid des Beklagten vom 4.10.2010 – 36-2010/0244 –)

Nachdem der Eigentümer der von der Grenzbebauung betroffenen Nachbarparzelle Nr. 82/4 im November 2010 schriftlich erklärt hatte, dass er mit der Grenzbebauung nicht einverstanden sei, forderte der Beklagte den Kläger im Januar 2011 auf, die illegalen Anbauten bis zum 20.5.2011 zu beseitigen, drohte ihm für den Fall der Nichtbefolgung ein Zwangsgeld in Höhe von 3.000,- EUR an und setzte dieses zugleich aufschiebend bedingt fest. In dem Bescheid wurde darauf verwiesen, dass der Grenznachbar seine Zustimmung zu der zur Legalisierung der Anlagen notwendigen Abweichung von den Vorschriften über die Abstandsflächen (§ 7 LBO 2004) nicht erteilt habe. Weniger einschneidende Maßnahmen zur Herstellung bauordnungsgemäßer Zustände seien nicht ersichtlich.(vgl. den Bescheid des Beklagten vom 20.1.2011 – 3-36-2010/0119 –)

Zur Begründung seines dagegen erhobenen Widerspruchs machte der Kläger geltend, die streitigen Anlagen seien nicht im Widerspruch zu öffentlich-rechtlichen Vorschriften errichtet worden. Die Beseitigungsanordnung sei ermessensfehlerhaft und wegen des drohenden Substanzverlusts unverhältnismäßig. Die „Handhabung“ seines Bauantrags durch den Beklagten sei allein durch eine Wahrnehmung der Interessen des Nachbarn geprägt gewesen. Schon im Rahmen der Vorprüfung des Antrags sei der Beklagte in eine dabei nicht vorgesehene materielle Beurteilung des Bauvorhabens eingetreten und zu einer vermeintlichen Unzulässigkeit nach Brandschutzbestimmungen gelangt. Darüber hinaus sei zur Zurückweisung seines Baugesuchs mit der fehlenden Nachbarzustimmung argumentiert worden, obwohl diese nach der Bauvorlagenverordnung nicht erforderlich sei. Die Zulassung von Abweichungen stehe ferner im Ermessen der Behörde, wobei die Zustimmung des Nachbarn nicht das entscheidende Kriterium darstelle. Vor dem Hintergrund sei auch die streitige, ohne vorherige Anhörung getroffene Anordnung zu beurteilen. Der Eigentümer der Nachbarparzelle Nr. 82/4 besitze keine materielle Abwehrposition. Nach dem § 8 Abs. 6 LBO 2008 dürften sich Abstandsflächen ganz oder teilweise auf Nachbargrundstücke erstrecken, wenn diese aus tatsächlichen Gründen, unter anderem wegen ihrer Größe oder ihres Zuschnitts nicht überbaut werden könnten. Die Bebauung des Nachbargrundstücks sei dauerhaft ausgeschlossen. Es befinde sich im Außenbereich sowie im Wasserschutzgebiet und auch die Erschließung als „schmales Hinterliegergrundstück“ sei nicht sicher. Nachbarrechte seien ohnehin verwirkt. Das Verhalten des Nachbarn sei schikanös. Er – der Kläger – habe die „Grenzwand“ bereits 2003 mit Kenntnis des Nachbarn errichtet, ohne dass dieser sich bisher in irgendeiner Form geäußert habe. Im Vertrauen auf das nachbarliche Einverständnis habe er nun „Maßnahmen ergriffen“, die er zum einen nur schwer wieder rückgängig machen könne und auf die er zum anderen im Rahmen seines Gastronomiebetriebs angewiesen sei. Das Vorgehen des Beklagten gegen ihn – den Kläger – sei zudem willkürlich. Im Liegenschaftskataster sei nördlich eine weitere grenzständig zur Parzelle Nr. 82/4 errichtete bauliche Anlage verzeichnet.

Der Widerspruch wurde vom Kreisrechtsausschuss im November 2011 verhandelt und zurückgewiesen.(vgl. den Widerspruchsbescheid des Kreisrechtsausschusses beim Landkreis Neunkirchen vom 30.11.2011 – Ws 25/11 –) In der Begründung ist ausgeführt, die materielle Illegalität der zu beseitigenden, nicht genehmigten Anlagen ergebe sich aus der Nichteinhaltung der erforderlichen Abstandsflächen, der seitens des betroffenen Grenznachbarn nicht zugestimmt worden sei. Das der Behörde bei Erlass der Anordnung zustehende Ermessen habe diese ordnungsgemäß ausgeübt. Da es keine andere Möglichkeit zur Herstellung rechtmäßiger Zustände gebe, sei die Anordnung auch verhältnismäßig.

Die unter Wiederholung und Vertiefung seines bisherigen Vorbringens gegen den aus seiner Sicht ebenfalls ermessensfehlerhaft ergangenen Widerspruchsbescheid erhobene Klage hat das Verwaltungsgericht nach Durchführung einer Ortsbesichtigung im Juni 2012 abgewiesen. In den Entscheidungsgründen heißt es unter anderem, die auf der Grundlage des § 82 Abs. 1 LBO 2004 erlassene Beseitigungsanordnung sei rechtmäßig. Die dort genannten tatbestandlichen Voraussetzungen seien erfüllt. Die materielle Rechtswidrigkeit der grenzständigen Anbauten ergebe sich aus ihrer Errichtung in der nach § 7 LBO 2004 erforderlichen Abstandsfläche zur Nachbarparzelle Nr. 82/4. Ob deren Eigentümer subjektive Abwehrrechte verwirkt habe, sei nicht von Bedeutung, da der Beklagte nicht zur Ausräumung einer Nachbarrechtsverletzung eingeschritten sei, sondern seine Entscheidung nur auf den genannten Rechtsverstoß gestützt habe. Aus dem § 8 Abs. 6 LBO 2008 ergebe sich nichts anderes. Für die Annahme der tatsächlich fehlenden Überbaubarkeit des Nachbargrundstücks im Sinne der dortigen 2. Alternative reiche es nicht aus, wenn das zur Rede stehende Nachbargrundstück im fraglichen Bereich derzeit nicht bebaubar sei. Die Regelungen über die Abstandsflächen erfassten auch Grundstücke im Außenbereich, die rechtmäßig im Rahmen des § 35 BauGB bebaut werden könnten. Vorhandene Bäume könnten gefällt und sogar etwaiger Wald mit entsprechender waldrechtlicher Genehmigung umgewandelt werden. Auch in Wasserschutzgebieten sei eine Bebauung zumindest ausnahmsweise zulässig. Zudem könne die bauplanungsrechtliche Zulässigkeit jederzeit durch Aufstellung eines entsprechenden Bebauungsplans geschaffen werden. Die vom Kläger angesprochene Breite der Nachbarparzelle von 14 m stehe der Errichtung eines 8 m breiten beziehungsweise tiefen Gebäudes unter Wahrung seitlicher Grenzabstände von jeweils 3 m nicht entgegen. Dieses Maß könne durch Vereinigung mit der nebenliegenden Parzelle Nr. 308/81 oder durch Eintragung einer entsprechenden Vereinigungsbaulast noch vergrößert werden. Auch ein zwingendes Erschließungshindernis sei nicht gegeben. Der Kläger könne sich nicht auf einen Bestandsschutz berufen und der Rechtsverstoß sei zudem nicht im Wege einer Abweichung ausräumbar. Eine solche komme gegen den Willen des betroffenen Nachbarn allenfalls in extremen Sonderfällen überhaupt in Betracht. Das Bauvorhaben sei mit den durch die Abstandsflächenvorschriften verfolgten Zielen nicht zu vereinbaren. Die an der zutreffenden Annahme einer fehlenden anderweitigen Ausräumbarkeit des Rechtsverstoßes orientierte Ermessensausübung sei nicht zu beanstanden. Ein Verstoß gegen das Gebot der Gleichbehandlung sei nicht gegeben. In dem Zusammenhang komme der Einschätzung des Nachbarn eine wesentliche Bedeutung zu. Zudem sei das vom Kläger angeführte Bauwerk, das bei der Ortsbesichtigung nicht habe wahrgenommen werden können, etwa 80 m entfernt, liege daher voraussichtlich nicht einmal innerhalb derselben Raumeinheit und stelle sich nach den Luftbildern als abstandsflächenrechtlich privilegiert zulässige Grenzgarage dar. Die Ausführungen des Klägers zur Rechtmäßigkeit der Zurückweisung seines Baugesuchs seien nicht ansatzweise geeignet, die Rechtmäßigkeit der Beseitigungsanordnung in Frage zu stellen. Die Zwangsmittelandrohung entspreche den gesetzlichen Vorgaben. Die fristgebundene Zwangsgeldfestsetzung gehe derzeit allerdings mangels Vollziehbarkeit der Grundverfügung „ins Leere“.

Der Kläger begehrt die Zulassung der Berufung gegen dieses Urteil.

II.

Dem Antrag des Klägers auf Zulassung der Berufung (§§ 124a Abs. 4, 124 Abs. 1 VwGO) gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts vom 6.6.2012 – 5 K 16/12 –, mit dem seine Klage gegen die Beseitigungsanordnung des Beklagten vom 20.1.2011 und den diese bestätigenden Widerspruchsbescheid vom 30.11.2011 abgewiesen wurde, kann nicht entsprochen werden. Dem den gerichtlichen Prüfungsumfang mit Blick auf das Darlegungserfordernis (§ 124a Abs. 4 Satz 4 und Abs. 5 Satz 2 VwGO) begrenzenden Antragsvorbringen lässt sich ein Zulassungsgrund im Sinne des § 124 Abs. 2 VwGO nicht entnehmen. Die Rechtssache hat nicht die vom Kläger geltend gemachte grundsätzliche Bedeutung (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO). Eine über den Fall hinausreichende, in dem angestrebten Berufungsverfahren klärungsbedürftige Rechtsfrage allgemeiner, das heißt fallübergreifender Bedeutung ist nicht dargelegt.

Der Kläger wirft abstandsflächenrechtlich die aus seiner Sicht grundsätzliche Rechtsfrage auf, ob es für die Anwendung des § 8 Abs. 6 LBO 2008(vgl. das Gesetz Nr. 1639 zur Modernisierung des saarländischen Vermessungswesens, zur Umbenennung des Amtes für Landentwicklung, zur Änderung der Landesbauordnung und des Landeswaldgesetzes sowie zur Anpassung weiterer Rechtsvorschriften vom 21.11.2007, hier Art. 4 Ziffer 4 b), Amtsblatt 2008, 278, 288)

„ausreicht, eine Bebaubarkeit des Nachbargrundstücks im Rahmen des § 8 Abs. 6 LBO dann anzunehmen, wenn bereits abstrakt – also ohne konkrete Prüfung der möglicherweise bestehenden Ausnahmevorschriften – gesetzlich überhaupt Ausnahmevorschriften von öffentlich-rechtlichen Schutzvorschriften vorhanden sind, wenn also die abstrakte bzw. theoretische Möglichkeit für die Erteilung einer Ausnahmevorschrift besteht oder ob eine Bebaubarkeit nur dann anzunehmen ist, wenn konkret nachgewiesen ist, dass die Voraussetzungen von Ausnahmevorschriften vorliegen“.

Diese Frage lässt sich unschwer im Sinne der erstinstanzlichen Entscheidung beantworten. Der Durchführung des angestrebten Rechtsmittelverfahrens bedarf es dazu nicht.

Nach dem § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 dürfen nach § 7 Abs. 1 Satz 1 LBO 2004 erforderliche und gemäß § 7 Abs. 2 Satz 1 LBO 2004 im Regelfall auf dem Baugrundstück freizuhaltende Abstandsflächen sich ganz oder teilweise auf Nachbargrundstücke erstrecken, wenn öffentlich-rechtlich gesichert ist, dass sie nicht überbaut werden oder – seit der Neufassung im Jahre 2008 – wenn sie aus „tatsächlichen Gründen“ nicht überbaut werden können. Die nach der gesetzlichen Konstruktion im Bereich der Verfahrens- und Genehmigungsfreistellung (§§ 61, 63 LBO 2004), insbesondere aber auch im heute wegen der Ausklammerung des Bauordnungsrechts aus dem Prüfungsprogramm (§ 64 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 LBO) keine Mitwirkung der Bauaufsichtsbehörden erfordernden Anwendungsfälle der Vorschrift setzen – außer bei der im vorliegenden Fall nicht in Rede stehenden, in der 1. Alternative des in Bezug genommenen § 2 Abs. 11 LBO 2004 genannten Übernahme einer Abstandsflächenbaulast (§ 83 Abs. 1 LBO 2004) – auch keine Beteiligung der Eigentümerinnen und Eigentümer des betroffenen Nachbargrundstücks voraus. Das gilt sowohl für die Alternative einer sonstigen „öffentlich-rechtlichen Sicherung“ (§ 2 Abs. 11 LBO 2004) als auch für die in der 2. Alternative des § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 genannten Fälle, dass die für den „fremden“ Abstandsflächennachweis benötigten Flächen „aus tatsächlichen Gründen nicht überbaut werden können“.

Die (teilweise) Überlagerung ihres Grundstücks beinhaltet im Ergebnis eine abstandsflächenrechtliche Erweiterung des Grundstücks der Bauherrinnen und Bauherrn zu Lasten des Nachbarn. Für das Nachbargrundstück und seine Eigentümer hat die Anwendung des § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 einen an die Bestandszeit des Bauwerks anknüpfenden und daher in aller Regel dauerhaften Eingriff in ihr Grundeigentum zur Folge, der im eigentumsrechtlichen Verständnis nicht einmal durch einen Verweis auf Gründe des Allgemeinwohls gerechtfertigt werden kann, vielmehr ausschließlich den Interessen privater Dritter, das heißt der Bauherrinnen und Bauherren beziehungsweise der Eigentümerinnen und Eigentümer des Baugrundstücks dient. Deren aus dem Grundeigentum ableitbare Rechtsposition wird daher kraft Gesetzes zu Lasten der Nachbarn ohne deren Zustimmung erweitert. Die Verschiebung der Abstandsfläche zu dem damit nicht einverstandenen Nachbarn beinhaltet im Ergebnis abstandsflächenrechtlich eine neue fiktive Grenzziehung auf dem Nachbargrundstück. Das hat gerade auch mit Blick auf dessen mögliche spätere Bebauung zur Folge, dass das Baugrundstück „wirtschaftlich gesehen verbreitert“ und das Nachbargrundstück entsprechend „schmäler“ wird.(so etwa Hormann, Hessische Bauordnung (HBO), 2. Auflage 2011, dort zur Übernahmevorschrift in § 7 HBO 2011, § 7 Rn 1) Die auf dem Nachbargrundstück „nachgewiesenen“ Abstandsflächen unterliegen nämlich uneingeschränkt dem Überdeckungsverbot für Abstandsflächen (§ 7 Abs. 3 LBO 2004) und müssen daher – das stellt auch der § 8 Abs. 6 Satz 2 LBO 2008 ausdrücklich klar – „zusätzlich“ zu den für eine mögliche Bebauung auf diesem Nachbargrundstück vorgeschriebenen Abstandsflächen von einer abstandsflächenrechtlich nicht privilegierten Bebauung (§ 8 Abs. 2 LBO 2004/2008) ungeachtet von späteren Änderungen der tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse dauerhaft freigehalten werden. Eine solche nicht konsentierte abstandsflächenrechtliche Inanspruchnahme des Nachbargrundstücks gegen den Willen seiner Eigentümerinnen und Eigentümer kann vor dem Hintergrund der Eigentumsgarantie (Art. 14 GG, Art. 18 Abs. 1 SVerf) mit Blick auf diese weitreichenden Konsequenzen – wenn überhaupt(vgl. insoweit etwa Jeromin, LBauO RP, 2. Auflage 2008, § 9 Rn 10, zu § 9 LBauO RP, wonach wegen der geschilderten eigentumsrechtlichen Folgen eine Verlagerung der Abstandsflächen grundsätzlich nur bei Einwilligung des betroffenen Grundstücksnachbarn und im Wege der öffentlich-rechtlichen Sicherung mittels Baulast Abstandsflächen auf ein privates Nachbargrundstück in Betracht kommt) – allenfalls in Ausnahmefällen gerechtfertigt werden, wenn sicher feststeht, dass dem Nachbarn letztlich auch mit Blick auf die Zukunft „nichts genommen“ wird.(so zu Recht OVG Münster, Beschluss vom 17.3.1994 – 11 B 2666/93 –, BRS 56 Nr. 111) Die Anwendung des § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 hat daher ganz andere und den Nachbarn wegen des Freihaltegebots deutlich mehr belastende rechtliche Konsequenzen als beispielsweise die in aller Regel die Zustimmung des Nachbarn voraussetzende Erteilung einer Abweichung nach § 68 Abs. 1 LBO 2004/2008, die das Abstandsflächenerfordernis als solches aufhebt.(vgl. in dem Zusammenhang OVG des Saarlandes, Urteil vom 17.6.2010 – 2 A 425/08 –, BRS 76 Nr. 196 = AS 39, 243) Dies zwingt schon aus verfassungsrechtlichen Gründen zu der vom Verwaltungsgericht zugrunde gelegten restriktiven Auslegung der Vorschrift beziehungsweise der darin normierten tatbestandlichen Anforderung einer gesichert dauerhaft auszuschließenden „Überbaubarkeit“ der Abstandsfläche.

Mit Blick auf das bereits erwähnte Überdeckungsgebot (§§ 7 Abs. 3 LBO 2004, 8 Abs. 6 Satz 2 LBO 2008) darf die Betrachtung ferner nicht auf die für die Verlagerung der „Abstandsflächen“ in Frage kommenden Teilflächen des Nachbargrundstücks beschränkt werden. Vielmehr ist zusätzlich in den Blick zu nehmen, ob die „nicht überbaubaren Grundstücksteile“ nicht für einen mit Blick auf Art. 14 GG vorrangigen Abstandsflächennachweis des Eigentümers des Nachbargrundstücks für ein eigenes Bauvorhaben auf anderen (angrenzenden) Teilen seines Grundstücks benötigt werden können. Diese vom Gesetzgeber bei Einführung der Regelung im Jahre 2008 nach der amtlichen Begründung(vgl. den Gesetzentwurf der Regierung des Saarlandes vom 4.5.2007, Landtagsdrucksache 13/1349, Seite 55 oben) ersichtlich nicht in Erwägung gezogenen Aspekte bedürfen jedoch aus Anlass des vorliegenden Falles keiner Vertiefung. Eine fehlende Überbaubarkeit steht bereits für den vom Kläger vor seinen auf einer Länge von etwa 30 m unmittelbar auf der Grenze zur Parzelle Nr. 82/4 als Abstandsfläche „beanspruchten“ Teil des Nachbargrundstücks nach den genannten Maßstäben nicht ernsthaft im Raum.

Soweit der Kläger in der Antragsschrift „öffentlich-rechtliche“ Hindernisse für eine Bebauung der Nachbarparzelle Nr. 82/4, deren Eigentümer nicht zur Übernahme der Abstandsfläche auf sein Grundstück bereit ist, aus öffentlich-rechtlichen Vorschriften herleiten möchte, ist die Frage aufgeworfen, ob diesen Bestimmungen eine (anderweitige) „öffentlich-rechtliche Sicherung“ im Sinne der §§ 8 Abs. 6 Satz 1 1. Alt. LBO 2008, 2 Abs. 11 LBO 2004 entnommen werden kann. Diese Frage ist von dem zuvor genannten Ansatz her – mit dem Verwaltungsgericht – für den vorliegenden Fall eindeutig zu verneinen. Vor dem erwähnten verfassungsrechtlichen Hintergrund geht es bei der „Sicherung“ einer Freihaltung von abstandsflächenpflichtiger Bebauung beziehungsweise in den Abstandsflächen unzulässiger Bebauung auf den Übertragungsflächen des Nachbargrundstücks nicht – wie der Kläger offenbar meint – darum, inhaltlich in der Art eines fiktiven Genehmigungsverfahrens beziehungsweise als „Momentaufnahme“ eine auf die gegenwärtigen Verhältnisse bezogene Überprüfung der materiellen Anforderungen beziehungsweise der konkreten Voraussetzungen einzelfallbezogen einschlägiger Ausnahme-, Befreiungs- oder Abweichungstatbestände zu prüfen. Das gilt sowohl für die bauplanungsrechtlichen Einwände des Klägers hinsichtlich des § 35 BauGB als auch für die aus seiner Sicht bestehenden sonstigen öffentlich-rechtlichen „Hindernisse“.

Das Verwaltungsgericht hat zutreffend darauf hingewiesen, dass sich die bodenrechtliche Zulässigkeit einer baulichen Nutzung im Sinne der §§ 29 ff. BauGB beispielsweise im Falle der Aufstellung eines qualifizierten Bebauungsplans (§ 30 Abs. 1 BauGB) durch die Gemeinde für bisher dem Außenbereich zuzuordnende Flächen jederzeit und zwar grundsätzlich ändern kann. Darüber hinaus lässt die Formulierung des § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 erkennen, dass die Frage einer (generellen) „Unbebaubarkeit“ vorhabenunabhängig zu beurteilen ist, wobei beispielsweise die Frage einer bodenrechtlichen Zulässigkeit oder Unzulässigkeit eines Bauvorhabens immer in Bezug auf eine bestimmte bauliche Anlage zu beurteilen ist und im Ergebnis – gerade mit Blick auf die beabsichtigte Nutzung – ganz unterschiedlich zu beantworten sein kann, etwa am Maßstab des § 35 BauGB. Auch diese Vorschrift schließt eine abstandsflächenpflichtige Bebauung schon nach ihrem Wortlaut unschwer erkennbar nicht generell aus. Schließlich verdeutlicht die Forderung des Landesgesetzgebers nach einer öffentlich-rechtlichen „Sicherung“, dass auch die Möglichkeiten einer künftigen Veränderung der Grundstückssituation, etwa durch Zusammenlegung beziehungsweise Vereinigung mit anderen „Nachbargrundstücken“ nicht aus dem Blick geraten darf. Die sich daraus ergebende Forderung nach der Feststellung einer ganz generellen – mit den Worten des Klägers: „abstrakten“ beziehungsweise „theoretischen“ – „Unbebaubarkeit“ der zum Abstandsflächennachweis für ein Bauvorhaben auf dem angrenzenden Baugrundstück benötigten Flächen ist mit Blick auf die grundrechtliche Stellung des Eigentümers dieser Flächen (Art. 14 Abs. 1 GG) auch vor dem Hintergrund des Ausgestaltungsvorbehalts für Bundes- und Landesgesetzgeber verfassungsrechtlich zwingend.

Nichts anderes gilt im Grundsatz für sonstige öffentlich-rechtliche Anforderungen an Bauvorhaben und auch für Schutzgebietsausweisungen, sei es auf wasserrechtlicher oder zum Beispiel auf naturschutzrechtlicher Grundlage. Aus denselben Gründen sind auch hierbei im Hinblick auf die Eigentümerposition strenge Anforderungen an die positive Feststellung einer solchen „Sicherung“ durch andere öffentlich-rechtliche Vorschriften zu stellen. Bei Außenbereichsgrundstücken in dem Zusammenhang zusätzlich nicht selten einschlägige Vorschriften des naturschutzrechtlichen Objekt- und Flächenschutzes, insbesondere bestehende Schutzgebietsausweisungen nach den §§ 16 ff. SNG und darin enthaltene Bauverbote sind für sich genommen nicht geeignet, eine dauerhafte öffentlich-rechtliche Sicherung fehlender Bebaubarkeit zu gewährleisten. Abgesehen davon, dass auch insoweit Rechtsänderungen, insbesondere auch eine Aufhebung der einschlägigen Rechtsverordnung, nicht auszuschließen sind, enthalten diese in aller Regel schon mit Blick auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gebotene Ausnahmemöglichkeiten. Daneben eröffnet der § 50 SNG ganz allgemein Möglichkeiten zur Erteilung von Befreiungen von den Verboten. Derartige Verbote stehen einer Bebaubarkeit des Nachbargrundstücks deswegen nicht entgegen, wenn Ausnahmen von ihnen zulässig sind. Das gilt entsprechend für andere öffentlich-rechtliche Bauverbote, beispielsweise – wie hier – in festgesetzten Wasserschutzgebieten, soweit – wie vom Verwaltungsgericht festgestellt und vom Kläger nicht bestritten – Ausnahmen und Befreiungen allgemein grundsätzlich in Betracht kommen. Insofern gebietet bereits die theoretische Möglichkeit von Ausnahmen und/oder Befreiungen, die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 2 Abs. 11 LBO 2004 und damit eine „öffentlich-rechtliche Sicherung“ im Verständnis des § 8 Abs. 6 Satz 1 1. Alt. LBO 2008 zu verneinen.(vgl. OVG Münster, Beschluss vom 17.3.1994 – 11 B 2666/93 –, BRS 56 Nr. 111) Eine Einzelfallprüfung der jeweiligen gesetzlichen Voraussetzungen ist – weil vorhabenbezogen – weder möglich noch erforderlich.(vgl. etwa Lechner in Simon/Busse, Bayerische Bauordnung 2008, Loseblatt, Art. 6 Rn 553, wonach im Einzelfall (nur) dann etwas anderes gelten soll, wenn „die – theoretisch mögliche – Ausnahme im konkreten Einzelfall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Dauer ausgeschlossen ist“.) Konkreter Anhaltspunkte für die Erteilung einer Befreiung oder einer Ausnahme bedarf es nicht. Ob in ganz besonderen Ausnahmefällen etwas anderes gelten kann, wenn „nach menschlichem Ermessen“ auch nur theoretisch eine mögliche Ausnahme im konkreten Einzelfall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit und auf Dauer ausgeschlossen ist,(vgl. dazu etwa OVG Bautzen, Urteil vom 18.1.2001 – 1 B 778/99 –, BRS 64 Nr. 132) muss aus Anlass des vorliegenden Falles nicht vertieft werden.

Für den vom Kläger darüber hinaus erhobenen Einwand fehlender Bebaubarkeit wegen unzureichender Erschließung „als Hinterliegergrundstück“ gilt nichts anderes. Auch diese Situation könnte sich jederzeit ändern. Die Parzelle und die ihr vorgelagerte Parzelle Nr. 82/3 (Anwesen K Straße 3) gehören demselben Eigentümer und reichen nach Aktenlage bis an die K. Straße und damit an eine öffentliche Verkehrsfläche im Sinne des § 5 Abs. 1 LBO 2004. Vertieft werden muss auch das nicht. Dauerhafte und in absehbarer Zeit nicht ausräumbare rechtliche Hindernisse, wie sie etwa der VGH München(vgl. VGH München, Beschluss vom 22.2.2011 – 2 ZB 10.874 –, bei juris) in einer der vom Kläger angeführten Entscheidungen für eine Zufahrt „mit Blick auf die spezielle Lage als Hinterliegergrundstück bzw. im Innern eines Quartiers und der umliegenden Bebauung“ hergeleitet hat, sind vorliegend nicht zu erkennen.

Auch der Anwendungsbereich des § 8 Abs. 6 Satz 1 2. Alt. LBO 2008, wonach eine abstandsflächenrechtliche Verlagerung auf das Nachbargrundstück dann zulässig ist, wenn dessen dafür benötigte Teilfläche „aus tatsächlichen Gründen nicht überbaut werden“ kann, erstreckt sich vor dem Hintergrund letztlich nur auf Flächen, die generell aufgrund ihrer geografischen Gegebenheiten oder wegen eines auch künftig, wie beispielsweise bei den in der Begründung zum Gesetzentwurf angesprochenen „Splittergrundstücken, die im Zuge von Straßenbaumaßnahmen zwischen Baugrundstücken und dem Straßengrundstück entstanden sind“, absehbar auch nicht veränderbaren Zuschnitts weder für irgendeine sinnvolle Bebauung noch für einen anderweitigen Abstandsflächennachweis durch den Eigentümer des Nachbargrundstücks in Betracht kommen. Nur in diesen Fällen ist die aus der ausnahmsweisen gesetzlichen Einschränkung des Erfordernisses eines Nachweises von Abstandsflächen auf dem Baugrundstück (§ 7 Abs. 2 Satz 1 LBO 2004) folgende dauerhafte Belastung des Eigentums am Nachbargrundstück hinzunehmen. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall.

Die von dem Kläger aufgeworfene „Grundsatzfrage“ (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) ist daher, soweit sie in dem von ihm angestrebten Berufungsverfahren überhaupt allgemein einer Klärung zugeführt werden könnte, für das saarländische Bauordnungsrecht eindeutig im Sinne der zutreffenden Entscheidung des Verwaltungsgerichts zu beantworten.

Die in der Antragsbegründung vom Kläger genannten obergerichtlichen Entscheidungen rechtfertigen keine grundsätzlich andere Auslegung des saarländischen § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008. Sie betreffen ohnehin das jeweilige Bauordnungsrecht anderer Bundesländer und sind – wie sich ihrem Inhalt unschwer entnehmen lässt – zu teilweise deutlich abweichend formulierten Bestimmungen ergangen. So beschäftigt sich beispielsweise der Beschluss des OVG Münster vom März 1994(vgl. OVG Münster, Beschluss vom 17.3.1994 – 11 B 2666/93 –, BRS 56 Nr. 111 und BauR 1994, 754) mit der Frage des Vorliegens einer nach § 7 Abs. 1 BauONW 1984 in dem Zusammenhang notwendigen „öffentlich-rechtlichen“ Sicherung der Nichtbebaubarkeit des Nachbargrundstücks im dort zu entscheidenden Fall. Dabei hat das Gericht ausdrücklich dahinstehen lassen, ob – was zuvor ein anderer Senat des OVG Münster ausdrücklich angenommen hatte(vgl. OVG Münster, Urteil vom 14.1.1994 – 7 A 2002/92 –, BRS 56 Nr. 196 und BauR 1994, 746) die damals in § 7 BauONW (1984) geregelte „Übernahme“ von Abstandsflächen auf ein Nachbargrundstück nicht zwingend die Zustimmung der Eigentümer voraussetzt. In dem genannten Beschluss wird ebenfalls auf die mit Blick auf Art. 14 GG gebotene Feststellung hingewiesen, dass die in Rede stehende Verlagerung der aus dem Grundeigentum folgenden Berechtigungen nur dann gerechtfertigt werden kann, wenn feststeht, dass die Eigentümerinnen und Eigentümer des Nachbargrundstücks auf Dauer in dem eigenen Baurecht nicht beeinträchtigt werden. Diesem zutreffenden verfassungsrechtlichen Ansatz ist – wie oben ausgeführt – auch bei der Auslegung des aktuellen saarländischen Bauordnungsrechts Rechnung zu tragen.

Nichts anderes gilt für die ebenfalls vom Kläger angesprochene Rechtsprechung des VGH München, soweit diese überhaupt als – bedingt – einschlägig angesehen werden kann. Die bereits erwähnte, zeitlich jüngste Entscheidung vom Februar 2011(vgl. VGH München, Beschluss vom 22.2.2011 – 2 ZB 10.874 –, bei juris) betrifft im Ansatz eine unter Bejahung der Abweichungsvoraussetzungen erteilte und vom Nachbarn angefochtene Baugenehmigung und verweist auf die ständige Rechtsprechung des VGH München, wonach ein „Grundstück“ dann nicht „überbaut“ werden kann, wenn aufgrund „besonderer rechtlicher Umstände anzunehmen ist, dass auf ihm nicht nur gegenwärtig, sondern auf nicht absehbare Zeit abstandsflächenpflichtige Anlagen nicht errichtet werden dürfen“. Ob der VGH München diese strengen Anforderungen in dem dortigen Fall zu Recht bejaht hat, indem er ein dauerhaftes rechtliches Überbauungshindernis für als Zuwegung benutzte Teilfläche aus der „tatsächlichen“ Bebauung eines Nachbargrundstücks „mit Blick auf die spezielle Lage als Hinterliegergrundstück bzw. im Innern eines Quartiers und der umliegenden Bebauung“ hergeleitet hat, spielt für die vorliegende Entscheidung keine Rolle. Schon die Grundstücksverhältnisse sind nicht ansatzweise vergleichbar. Die Nachbarparzelle Nr. 82/4 des Klägers ist – abgesehen von dem Haus an der K. Straße – ganz überwiegend baufrei und auch unter dem Aspekt einer „inneren“ Erschließung nicht entsprechend „vorbelastet“.

Auch in dem als weiteres Beispiel für eine aus Sicht des Klägers gebotene „konkrete Einzelfallprüfung“ hinsichtlich der Bebaubarkeit angesprochenen Beschluss des VGH München vom Juli 1999(vgl. VGH München, Beschluss vom 12.7.1999 – 14 B 95.2069 –, bei juris) wurde der genannte strenge Maßstab angelegt und im Übrigen entgegen der Darstellung des Klägers im Hinblick auf denkbare künftige Veränderungen der Sach- und Rechtslage die Geeignetheit einer Festsetzung als Überschwemmungsgebiet mit entsprechenden (aktuellen) Bauverboten als „Sicherung“ fehlender Überbaubarkeit verneint. Das entspricht der hier vertretenen einschränkenden Auslegung zu dem § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 hinsichtlich der Beachtlichkeit denkbarer Veränderungen der rechtlichen Situation des Nachbargrundstücks und der Verneinung einer „Sicherung“ durch Bauverbote bei potentiellen Ausnahmemöglichkeiten.

Das vom Kläger ferner zitierte Urteil des VGH München vom Dezember 2008(vgl. VGH München, Urteil vom 15.12.2008 – 22 B 07.143 – BRS 73 Nr. 129) betraf die Nachbaranfechtung einer immissionsschutzrechtlichen Genehmigung, die dem Betreiber einer Hart- und Weichweizenmühle unter anderem unter Abweichung von einem durch gesonderte gemeindliche „Abstandsflächensatzung“ (Art. 6 Abs. 7 BayBO 2008) zusätzlich reduzierten Abstandsflächenerfordernis erteilt worden war. In der Begründung heißt es unter anderem, das Gebot zur Einhaltung der Abstandsflächen und damit das Erfordernis einer Abweichung entfalle (auch) nicht, weil sich die Abstandsflächen wegen rechtlicher Nichtbebaubarkeit auf das Nachbargrundstück erstrecken könnten. Ein Grundstück könne aus rechtlichen Gründen nicht überbaut werden, wenn aufgrund besonderer rechtlicher Umstände anzunehmen sei, dass auf ihm nicht nur gegenwärtig, sondern auf nicht absehbare Zeit und damit „auf Dauer“ abstandspflichtige Anlagen nicht errichtet werden dürfen. Diese Anforderung ergebe sich aus dem Zweck der Vorschrift und aus der Eigentumsgarantie (Art. 14 Abs. 1 GG). Dem Eigentümer eines nicht überbaubaren Grundstücks sei eine abstandsflächenrechtliche Inanspruchnahme seines Grundstücks durch Nachbarn wegen des Verbots der Überdeckung von Abstandsflächen nur zuzumuten, wenn anzunehmen sei, dass sein Grundstück auch in Zukunft unbebaubar bleibe. Öffentlich-rechtliche Bauverbote – dort ebenfalls konkret im Gefolge der Festsetzung eines Überschwemmungsgebiets –, von denen Ausnahmen zulässig seien, stünden einer Bebauung des Nachbargrundstücks „grundsätzlich nicht mit der erforderlichen Sicherheit entgegen“. Diese Auslegung bayerischen Landesrechts trägt daher dem erwähnten Erfordernis der Berücksichtigung der grundrechtlich geschützten Stellung der Eigentümer des Nachbargrundstücks Rechnung und entspricht ebenfalls der Auslegung des Senats zu § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008.

Diese Grundsätze liegen schließlich auch dem Beschluss des VGH München vom September 2004(vgl. VGH München, Beschluss vom 29.9.2004 – 1 CS 04.340 –, BRS 67 Nr. 133) zugrunde. Auch hierin heißt es, aus den Gewährleistungen der Eigentumsgarantie ergebe sich die Anforderung, dass die Bebaubarkeit des Nachbargrundstücks auf Dauer ausgeschlossen sein müsse. Nur wenn anzunehmen sei, dass das Grundstück auch in Zukunft unbebaubar bleibe, sei dem Nachbarn die abstandsflächenrechtliche Inanspruchnahme zuzumuten, da die Grundstücksflächen, auf die sich die Abstandsflächen des Nachbargebäudes erstreckten, so lange nicht für die Abstandsflächen eines anderen Gebäudes zur Verfügung stünden, wie das Nachbargebäude stehe. Eine Erstreckung von Abstandsflächen müsse der Eigentümer eines gegenwärtig nicht bebaubaren Grundstücks deshalb nur dann hinnehmen, wenn dieses – soweit absehbar – auch in Zukunft nicht bebaut werden könne oder dürfe. Auch hier wurde also entgegen der Ansicht des Klägers keine allein auf aktuelle Gegebenheiten bezogene Prüfung baurechtlicher oder allgemein öffentlich-rechtlicher Anforderungen für eine Bebauung vorgenommen.

Dass nach den vom VGH München in ständiger Rechtsprechung zugrunde gelegten Anforderungen nicht von einer gesicherten dauerhaften Unüberbaubarkeit der fraglichen Flächen der Nachbarparzelle des Klägers (Nr. 82/4) ausgegangen werden kann, unterliegt keinen ernstlichen Zweifeln. Für die vom Kläger am Ende der Antragsschrift reklamierte gerichtliche Vorgabe einer „Mindestgröße für die Bebaubarkeit eines Grundstücks“ besteht, sofern man das überhaupt mit Blick auf nach die § 7 Abs. 7 Satz 1 LBO 2004 als vernünftigerweise nachvollziehbar ansehen wollte, weder allgemein Veranlassung noch im konkreten Fall ein ernsthaftes Bedürfnis.(vgl. etwa VGH München, Urteil vom 15.5.2006 – 1 B 04.1893 –, BRS 70 Nr. 134, wo sogar ein sich auf der Länge von 10 m von „knapp 2 m auf 0,20 bis 0,30 m“ verengendes Grundstück neben einer öffentlichen Verkehrsfläche wegen des mutmaßlichen – nicht positiv geklärten – Einverständnisses des Eigentümers eines anderen angrenzenden Grundstücks zur Übernahme der Abstandsflächen als mit einer abstandsflächenpflichtigen Plakattafel „überbaubar“ angesehen wurde, obwohl die für diese Anlage notwendige Abstandsfläche ihrerseits nicht auf dem „Zipfelgrundstück“ nachgewiesen werden konnte) Es geht dabei nicht – diesem Missverständnis mag der Kläger unterliegen – (nur) um die Frage, welche Größe ein „Wohnhausgrundstück“ haben muss, sofern sich das überhaupt allgemein beantworten lässt. Mit Blick auf die lang gezogene, durchgehend 14 m breite Parzelle Nr. 82/4 stünde im Übrigen auch insoweit eine fehlende „Bebaubarkeit“ nicht ernsthaft zur Debatte. Das hat das Verwaltungsgericht bereits richtig ausgeführt.

Soweit der Kläger abschließend für den Fall eines Nachweiserfordernisses hinsichtlich der Abstandsflächen auf dem eigenen Grundstück die „grundsätzliche“ Anschlussfrage aufwirft,

„unter welchen Voraussetzungen ein Sonderfall vorliegt, der die Erteilung einer Abweichung von der Einhaltung der Abstandsflächenregelung gegen den Willen des Nachbarn rechtfertigt“,

ist damit ebenfalls kein Zulassungsgrund (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) dargelegt. Das Verwaltungsgericht hat zutreffend dargelegt, dass nach der Rechtsprechung des Senats(vgl. in dem Zusammenhang zuletzt OVG des Saarlandes, Urteil vom 17.6.2010 – 2 A 425/08 –, BRS 76 Nr. 196 = AS 39, 243) der zu den früheren Befreiungsvorschriften in §§ 75 LBO 1996, 64 LBO 1988, 95 LBO 1974/80 entwickelte Grundsatz, dass wegen der in diesen Bestimmungen durchgängig vom Gesetzgeber geforderten Würdigung nachbarlicher Interessen eine Befreiung von nachbarschützenden Anforderungen des Bauordnungsrechts – dazu zählen die sich aus § 7 LBO 2004 ergebenden Grenzabstandserfordernisse – gegen den Willen der betroffenen Nachbarn in aller Regel nicht in Betracht kam, auch für die nunmehr in § 68 Abs. 1 LBO 2004 vorgesehene Abweichungsmöglichkeit gilt. Dass vorliegend irgendwelche, geschweige denn ganz besondere, insoweit im Rahmen des § 68 Abs. 1 LBO 2004 für den Kläger „verwertbare“ Fallumstände vorlägen, ist weder erkennbar noch vorgetragen. Eine besondere Schutzwürdigkeit seinerseits ergibt sich insbesondere nicht aus dem Umstand, dass ihm im Falle der Befolgung der streitgegenständlichen Beseitigungsanordnung hinsichtlich der illegal ausgeführten Grenzbebauung infolge des Substanzverlusts ein wirtschaftlicher Schaden droht. Soweit er in dem Zusammenhang ebenfalls auf eine derzeitige „Unüberbaubarkeit des Nachbargrundstücks“ verweist, kann auf die Ausführungen zu § 8 Abs. 6 Satz 1 LBO 2008 Bezug genommen werden. Insbesondere gibt es angesichts der eindeutigen Regelungen zum Abstandsflächenrecht auch keine Verpflichtung des Nachbarn zur Hinnahme illegaler Grenzbebauung „auf Zeit“. Schon die in der Fragestellung zum Ausdruck kommende Einzelfallbezogenheit dieser Beurteilung macht im Übrigen deutlich, dass hier eine allgemeine oder „grundsätzliche“ Beantwortung nicht möglich erscheint.

Aus dem Gesagten folgt gleichzeitig, dass die Darlegungen des Klägers auch keine ernstlichen Zweifel an der Richtigkeit der erstinstanzlichen Entscheidung im Sinne des § 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO begründen würden,(vgl. dazu allgemein OVG des Saarlandes, Beschluss vom 21.6.2002 – 1 Q 55/01 -, SKZ 2002, 289, Leitsatz Nr. 15, wonach die Frage des Vorliegens ernstlicher Zweifel am Maßstab der Ergebnisfehlerhaftigkeit zu beurteilen ist und eine Prognose dahingehend erfordert, ob das angestrebte Rechtsmittel voraussichtlich Erfolg haben wird, ständige Rechtsprechung; in dem Zusammenhang auch BVerwG, Beschluss vom 10.3.2004 – 7 AV 4/03 -, DVBl. 2004, 838, wonach die Vorschrift – ebenso wie der Tatbestand zu Nr. 2 – die Richtigkeit der Entscheidung gewährleisten soll und „ernstliche Zweifel“ (Nr. 1) auch dann nicht anzunehmen sind, wenn sich das angegriffene Urteil zwar nicht aus den darin angegebenen Gründen, aber aus anderen Gründen als richtig erweist) wenn man das Vorbringen mit Blick auf den darin abschließend enthaltenen Hinweis, des Aufgeworfenseins „klärungsbedürftiger Rechtsfragen“ – angesichts der ausdrücklichen Inbezugnahme des § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO allerdings fern liegend – ergänzend entsprechend interpretieren wollte.

Da das Vorbringen des Klägers daher insgesamt keinen Grund für die begehrte Zulassung der Berufung im Sinne des § 124 Abs. 2 VwGO aufzeigt, ist der Antrag zurückzuweisen.

III.

Die Kostenentscheidung beruht auf dem § 154 Abs. 2 VwGO.

Die Streitwertfestsetzung findet ihre Grundlage in den §§ 63 Abs. 2, 52 Abs. 1, 47 GKG.

Der Beschluss ist unanfechtbar.